"Förderung für Scheinfortschritt"

Der Volkswirt Henning Vöpel über den Konflikt zwischen der vom Einkommen unabhängigen Gesundheitsversorgung und Innovationen, die der Markt beisteuern muss.

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Von
  • Nike Heinen

Der Volkswirt Henning Vöpel über den Konflikt zwischen der vom Einkommen unabhängigen Gesundheitsversorgung und Innovationen, die der Markt beisteuern muss.

Henning Vöpel arbeitet seit 2006 als Senior Economist am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und ist seit 2010 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hamburg School of Business Administration. Der Experte für Gesundheitsökonomik hat – im Auftrag der HSH Nordbank – eine Studie über die Zukunft der Medizintechnik erstellt.

Technology Review: Sind Innovationen in der Medizintechnik tatsächlich solche Kostentreiber, wie es die Krankenkassen gerne behaupten?

Henning Vöpel: Fortschritte in der Medizintechnik verbessern natürlich nicht nur die Behandlung, sondern verursachen auch höhere Kosten. Deshalb müssen Anreize geschaffen werden, damit sich nur die sinnvollen Neuerungen durchsetzen, solche, die schneller gesund machen. Andere, die keiner braucht, sollten konsequent außen vor bleiben.

TR: Ist das denn nicht gewährleistet? In Deutschland stellt eine Selbstverwaltung aus Kassen und Kassenärzten seit 2004 jede technische Neuerung erst einmal auf den Prüfstand.

Vöpel: Ja, doch trotzdem kommen statt echten, verbessernden Innovationen, die eine große Verbesserung der medizinischen Versorgung bedeuten, inzwischen vor allem so genannte Add-on-Technologien auf den Markt – kleine Veränderungen etablierter Verfahren. Die Verbesserung, die man damit erreicht, ist in der Regel marginal. Die Kosten, die daraus entstehen, sind jedoch oft immens.

TR: Liegt der Fehler im System?

Vöpel: Ja. Die Versicherten nehmen gerne Verbesserungen in Anspruch, so lange die Kasse zahlt. Anreize für kostensenkende Innovationen gibt es dadurch kaum – und keinen Markt für gute neue Ideen. In vergleichbar wohlhabenden Ländern, in denen die Patienten selbst entscheiden, welche Innovation sie sich leisten wollen, setzen sich eher die nützlichen und Kosten senkenden Innovationen durch. Ob Sie sich bildgebende Verfahren ansehen, Labortechnik oder Biotechnologie: Die USA sind ein bedeutender Leitmarkt für Medizintechnik. Dort wird heute schon die Medizin von morgen praktiziert.

TR: Ja, aber nur in einem exklusiven Kreis wohlhabender Patienten. Viele andere sterben zu früh, weil sie sich selbst altmodische Verfahren nicht leisten können.

Vöpel: Das ist natürlich die Kehrseite. Will man allen Patienten einkommensunabhängig die gleiche Gesundheitsversorgung gewähren, lassen sich Innovationen schlechter durch den Markt lenken. Man könnte das Problem durch höhere Selbstbeteiligung oder ein größeres Tarifwahlrecht lindern. Die Patienten sehen sich dann bei jeder Behandlung genau an, ob sie sich lieber für das günstigste oder das allerneueste Produkt entscheiden. Das motiviert zum einen, die Abläufe zu optimieren und Kosten zu senken und begünstigt zum anderen Innovationen, die Heilungschancen erhöhen. Ganz beheben lässt sich der Zielkonflikt zwischen gleicher Gesundheitsversorgung und marktgesteuerten Innovationen jedoch nicht.

TR: Was können wir in Deutschland tun?

Vöpel: Ich plädiere nicht dafür, unser solidarisches System aufzugeben. Aber wir müssen dringend unseren Blick für echte Innovationen schärfen. Ob Sie zum Beispiel Insulin mit einer konventionellen Spritze oder mit einem Pensystem spritzen, ist für die Wirkung egal. Trotzdem zahlt die Allgemeinheit den komfortableren – und teureren – Pen. Als Folge hat jeder größere Medizintechnikhersteller inzwischen seine eigenen Pens entwickelt. Sinnvoller wäre, dass die Kasse das verträglichste Insulin bezahlt, aber zugleich signalisiert, dass sie an High-Tech-Transplantaten interessiert sind, mit denen die kranke Bauchspeicheldrüse ersetzen werden kann. So ließen sich die hohen Kosten für Diabetesbehandlungen langfristig deutlich senken.

TR: Lässt sich das nicht über die Zulassungsverfahren steuern?

Vöpel: Die sind in Deutschland langwierig und relativ strikt. Je größer das Risiko, dass neue Verfahren oder Medikamente nicht zugelassen werden, desto eher werden Forschungsgelder in Projekte gelenkt, die sicher, aber wenig bahnbrechend sind. Die ungewöhnlichsten Ideen entstehen oft bei kleinen Start-Ups aus dem Biotechnologiesektor. In den USA bekommen solche Gründer recht schnell Zugang zum Markt. Hierzulande zehren die Zulassungsstudien das Kapital auf, bevor überhaupt eine Innovation den Markt erreicht hat.

TR: Ihre Studie blickt auch ins Jahr 2030. Wie wird die Medizintechnik dann aussehen?

Vöpel: Die Absatzperspektiven für Medizintechnik sind global gesehen sehr gut. In den Schwellenländern gibt es einen enormen Aufholbedarf an medizintechnischer Grundversorgung. In den reicheren Ländern steigt die Nachfrage nach hochtechnologischen Innovationen. In vielen Ländern, die erkannt haben, welch großes Potenzial die Bio- oder Nanotechnologie bietet, entstehen neue Standorte. Dadurch geraten die etablierten Produktions- und Forschungsunternehmen unter Druck. Wenn gute Ideen in Deutschland keine Chance bekommen, könnten qualifizierte Fachleute in Zukunft noch leichter abwandern als bislang. (bsc)