Experiment im All
Die Besatzung der Internationalen Raumstation ISS kann sich über ein endlich fertiggestelltes Raumlabor freuen - und die Verlängerung ihres Auftrags. Doch es bleiben offene Fragen.
- Brittany Sauser
Die Besatzung der Internationalen Raumstation ISS kann sich über ein endlich fertiggestelltes Raumlabor freuen – und die Verlängerung ihres Auftrags. Doch es bleiben Hürden.
Nach fast zwölf Jahren Bauzeit und Gesamtinvestitionen von rund 100 Milliarden Dollar ist die Internationale Raumstation ISS nun endlich fertig. Da trifft es sich gut, dass das Weiße Haus zugestimmt hat, die Gesamtlaufzeit des Projekts um vier Jahre zu verlängern – von 2016 auf 2020. Doch was werden die Forscher mit dieser zusätzlichen Forschungszeit tun?
Die Frage treibt derzeit Wissenschaft genauso wie Privatunternehmen um. Und da wäre dann auch noch das Problem, dass das der traditionsreiche Weltraumfrachter Space Shuttle ab dem nächsten Jahr nicht mehr zum Transport von Crews und Ladung zur Verfügung steht, weil es dann endlich in Rente gehen soll.
Die Raumstation erfüllt nun in ihrer Endausbaustufe zwei grundlegende Funktionen: Sie dient als Großlabor für die internationale wissenschaftliche Forschung und als Testumgebung für neue Technologien. Hauptsächlich finanziert wird die ISS von den Vereinigten Staaten, Russland, der europäischen Weltraumbehörde ESA, Kanada und Japan. Doch insgesamt beteiligt sind 59 Nationen, die forschen oder ISS-Bauteile beisteuern. Rund 50 Prozent der ISS werden für wissenschaftliche Forschung ausgelastet, typischerweise laufen zwischen 40 und 50 Experimenten an Bord. Viele davon sind biomedizinische Versuche, etwa an Medikamenten und neuen Behandlungsformen für Krankheiten.
Jason Crusan, Cheftechnologe für den Bereich Weltraumoperationen bei der NASA, meint, dass die Behörde mit ihren internationalen Partnern zusammenarbeiten muss, um die Nutzung der ISS auszudehnen. Die Missionsverlängerung erlaube mehr Experimente im Mikrogravitationsklima der Station, sagte Crusan auf einer Konferenz der American Astronomical Society, die sich in der vergangenen Woche in Cape Canaveral mit der Zukunft der ISS beschäftigte.
Die Mikrogravitation habe direkten Einfluss auf das Zellverhalten und die Art, wie sich Metalle und andere Stoffe entwickelten, sagt Marybeth Edeen, ISS-Labor-Managerin bei der NASA. Beispielsweise sei es gelungen, einen Impfstoff gegen Salmonellen zu entwickeln, der derzeit von der US-Gesundheitsbehörde in einem Zulassungsverfahren begutachtet werde. Klinische Studien an Medikationen gegen Prostatakrebs, die auf der ISS getestet wurden, laufen ebenso wie die Weiterentwicklung einer neuen Behandlungsform gegen Muskelatrophie, die japanische Forscher auf der ISS untersuchten. "Man kann an Bord der Station Experimente durchführen, die nirgendwo sonst möglich sind", meint auch Julie Robinson, Wissenschaftlerin im ISS-Programm der NASA.
Forscher nutzen die ISS außerdem zur Untersuchung von Weltraumerkundungssystemen und anderen Technologien, die erst im Orbit wirklich getestet werden können. Dazu gehören laut Cheftechnologe Crusan Systeme zur Steuerung, Navigation und Kontrolle von Satelliten und anderen Weltraumobjekten, Robotersysteme, die im All Reparaturen durchführen sowie effizientere Wasserfiltersysteme. Die gesamte Raumstation ist außerdem eine Testumgebung für ein System zur Langzeitversorgung von Menschen im Weltraum – von der Stromerzeugung bis hin zur Wiederverwendung von Sauerstoff und Wasser.
Solche Technologien müssen perfektioniert werden, wenn die Obama-Administration ihr Ziel erreichen will, bis 2025 Menschen auf einen Asteroiden und bis 2035 dann zum Mars zu schicken. Der NASA stehen dazu in den nächsten drei Jahren 58,4 Milliarden Dollar zur Verfügung, wobei die Freigabe dieser Gelder derzeit noch an zu verabschiedenden Gesetzen hängt. Crusan geht fest davon aus, dass dann weitere spannende neue Techniken an Bord der ISS getestet werden können – etwa Weltraumanzüge der nächsten Generation oder neuartige elektrische Antriebssysteme
Bevor die ISS zum Forschertraum wird, muss allerdings noch eine wichtige Hürde genommen werden: Wie man Mannschaften und Ladung künftig ins All bekommt, wenn das Space Shuttle einmal in Rente gegangen ist. Edward Mango, Direktor des Planungsbüros für kommerzielle Weltraumtransportsysteme bei der NASA, glaubt, dass nach dem Ende des Raumgleiters Wirtschaftsunternehmen wie SpaceX oder Orbital Sciences den Job übernehmen werden. Allerdings wird es wohl kaum vor 2015 soweit sein. Bis dahin müssen die USA sich auf ihre Partner aus Russland, Europa und Japan verlassen. Mit den Russen besteht bereits Einigkeit darüber, dass neue Crews der Amerikaner mindestens zweimal im Jahr zur ISS transportiert werden. NASA-Forscherin Robinson hofft jedenfalls, dass der Welt klar wird, was für ein technisches Wunderwerk die ISS darstellt. "Und wir wollen es noch für die nächsten zehn Jahre in seiner gesamten Breite ausnutzen können." (bsc)