Der Computer als Bildungskatalysator

Auch wenn die Maschine ausgeschaltet ist, kann sie uns miteinander verbinden.

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Von
  • Peter Glaser

Auch wenn die Maschine ausgeschaltet ist, kann sie uns miteinander verbinden.

"Mein Bildungsweg wurde vorübergehend durch meine Schulzeit unterbrochen" – dieses Wort von George Bernard Shaw gilt auch für mich. Ich habe ein Jahr vor dem Abitur (in meiner Heimat Österreich heißt das: vor der Matura) das Gymnasium verlassen. Damals wollte ich bereits schreiben. Ich hatte ein Vorgefühl, dass der akademische Weg über ein Germanistikstudium eher zur Zerlegung von Texten führt – ich wollte aber Texte zusammenbauen.

Als ich Ende der 70er Jahre mit der Computerei angefangen habe, fungierte die Maschine als Katalysator. Durch den Computer kamen für mich getrennte Kulturbereiche wieder miteinander in Verbindung – Literatur und Kunst traten in einen Austausch mit Naturwissenschaft und Technik; nüchternem Ingenieursdenken standen plötzlich auch ethische und politische Überlegungen gegenüber. Im Chaos Computer Club (CCC) bewirkte dieser Katalysator beispielsweise, dass ich lernte, wie man in einer inhomogenen, aus sehr unterschiedlichen Individuen bestehenden Gruppe Diskurse in einem gemeinsamen Interesse führt. Der Computer, auch wenn er ausgeschaltet war, hat uns alle miteinander verbunden.

Inzwischen erwecken die immer vielfältigeren Zugänge zu Wissen und inspirierenden Informationen durch das Internet die Ruinen an humanistischem Bildungsgut, über die ich aus der Schulzeit und als Leser und kulturatmender Mensch verfüge, immer wieder zu neuem Leben. Der digitale Lernkatalysator funktioniert also nach wie vor, und er verändert sich, wird vielfältiger und wirkungsvoller. Einen negativen Aspekt will ich nicht verschweigen: Was manche als "lebenslanges Lernen" feiern, bedeutet zugleich auch, dass Wissen immer schneller entwertet wird.

Als Autor muss ich mir viele Fertigkeiten und Techniken selbst aneignen. Es gibt aber auch Wege, das mit anderen gemeinsam zu tun. Im CCC etwa gehört eine modernisierte Form von informationeller Nachbarschaftshilfe seit jeher zum Grundbestand. Wenn man etwas nicht verstanden hat, ist immer einer da, der es einem einigermaßen erklären kann. Oder man bastelt eben herum, auch mit Ideen, bis der Groschen fällt. Ich habe immer noch ein paar teure Handbücher für komplexe Programme, die ich nie gelesen habe. Stattdessen habe ich mir die Software von jemandem erläutern lassen, der schon damit umgehen konnte und dadurch immer sehr praxisbezogen gelernt und viel Zeit und Nerven gespart.

Was gemeinsames Lernen betrifft: Twitter und Facebook sind von Haus aus ein einziges gemeinsames Lernen, und zwar in demokratisierter Form. Kein Frontalunterricht mehr, auch keine speziellen Lehrkräfte. Vielmehr ist jeder in meiner Timeline jetzt ein Anbieter von potentiell Wissenswertem. Oder es kommt ein guter Schnack, der mich wieder, sozusagen lerndurchlüfteter, in die Riesenmengen an hochinteressantem Stoff aus der Weltwissensmasse eintauchen lässt. Bildung ist nur zu einem kleinen Teil eine Frage von Fakten. (bsc)