Kernkraft und Klickviehtrieb

Es gibt viele Wege, seinen Protest gegen die gefährlichste Methode, heißes Wasser zu erzeugen, zum Ausdruck zu bringen. Twitter ist nur einer davon.

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Von
  • Peter Glaser

Es gibt viele Wege, seinen Protest gegen die gefährlichste Methode, heißes Wasser zu erzeugen, zum Ausdruck zu bringen. Twitter ist nur einer davon.

Ende März 2010 startete Heiko Fritz eine Online-Petition: "Der Deutsche Bundestag möge beschließen, die Laufzeiten der Atomkraftwerke nicht mehr zur verlängern." Die Teilnahme tröpfelte ein bisschen, am Ende waren es 6529 Mitzeichner. Im August initiierte Jörg Zwosta eine weitere Online-Petition, in der gefordert wird, "dafür Sorge zu tragen, dass die mit den Stromversorgern abgeschlossenen Verträge zur Abschaltung der Atomkraftwerke bis zum Jahr 2023 eingehalten werden".

Online-Petitionen sind ein neues, demokratisches Werkzeug, das dem Bürger vor fünf Jahren in die Maushand gelegt wurde. Derzeit sind laut Website des Deutschen Bundestags 915 öffentliche Petitionen in der parlamentarischen Prüfung, darunter eine Petition, "dass PKW mit abnehmbarer Anhängerkupplung diese im Solobetrieb ohne Anhänger abzunehmen haben" und eine, "dass alle deutschen Soldaten Sender bekommen". Wird eine Petition innerhalb einer gesetzten Frist von mehr als 50.000 Menschen unterzeichnet, muss sich der Petitionsausschuss des Bundestags erneut mit dem Thema befassen.

Um die Zustimmungsfreude zu der Petition gegen die Laufzeitverlängerung nochmal in Schwung zu bringen, wurden via Twitter und Facebook Aufrufe verbreitet. Ein "webrebelzine" aus Düsseldorf forderte mich auf Twitter persönlich auf: "Auch Du lieber @peterglaser könntest Deine #followerpower toll für die E-Petition zur #Laufzeitverlängerung einsetzen". Der Grund, weshalb ich diese Einladung ohne Gewissensbisse ignoriert habe, liegt darin, dass ich der Auffassung bin: Es gibt viele Wege, seine Meinung und seinen Protest gegen die gefährlichste und kostspieligste Methode, heißes Wasser zu erzeugen, zum Ausdruck zu bringen.

Ich sammle beispielsweise hier zum Thema "Atom" Texte, Fotos und Filmclips aus der Zeit zwischen 1940 und 1960, als Atomkraft noch mit ungebrochener Technikbegeisterung propagiert wurde. Die damaligen wissenschaftlichen Annahmen und Zukunftsvorstellungen haben in ihrer unverhüllten Naivität eine manchmal stärkere aufklärende Wirkung als die Argumente zur Restrisiken- und Endlagerproblematik, mit denen heute um die unumgängliche Energiewende gerungen wird.

Kurze Zeit später der nächste Tweet der Webrebellen: "Eigentlich warte ich noch sehnsüchtig auf Antwort. Wie wär's Herr Glaser?" Die pädagogische Drohung fühlte sich ein bisschen an wie diese Anrufe von Greenpeace, ob ich nicht meinen Spendendauerauftrag erhöhen möchte. Aber ich möchte nicht bedrängt werden. Und ich will nicht, dass meine Twitter-Follower den Eindruck bekommen, ich sei ein Klickviehtreiber.

Für solche Argumente sind die maximal 140 Zeichen bei Twitter aber zu wenig. Also schrieb ich der nach wie vor namenlosen Rebellenstimme erst einmal eine Twitter-Direktnachricht: "Feedback ist auf eurer Website offenbar nicht vorgesehen. E-Mail? Ich möchte mehr als 140 Zeichen antworten." Dann der nächste Tweet: "@peterglaser kann leider keine Direktnachricht senden. würde gern antworten". Den Versuch, spöttisch zu sein, nehme ich den Rebellen nicht übel, ich war auch mal in der Pubertät. Vielleicht haben sie auch schon Pläne für die Zeit danach. Was mich erstaunt hat, war, wie wenig moderne Kommunikationsmittel manchmal beim Kommunizieren helfen.

Die Petition gegen die Laufzeitverlängerung wurde vor Ablauf der Frist von mehr als 62.000 Teilnehmern unterzeichnet; insgesamt wurde sie fast 74.000 mal gezeichnet. Damit muss der Bundestag sich erneut mit dem Problem auseinandersetzen. (bsc)