Eine neue Ära bei SAP
Der Weg für einen SAP-Betriebsrat ist frei. Die Zusammensetzung des Wahlvorstands weckt allerdings das Misstrauen der Gewerkschaften.
Beim Software-Riesen SAP bricht eine neue Ära an: Das erfolgsverwöhnte Unternehmen – das mittlerweile letzte unter den 30 DAX-Konzernen ohne Betriebsrat – erhält erstmals in seiner Firmengeschichte eine organisierte Arbeitnehmervertretung. Bei einer Betriebsversammlung am Stammsitz in Walldorf haben die Beschäftigten am Donnerstagabend mit der Kür eines Wahlvorstands die Weichen für die Abstimmung gestellt. Ein Haken aus Sicht der Gewerkschaften: Lediglich eines der neun Mitglieder des Vorstands ist gewerkschaftlich organisiert. "Das macht keine gute Stimmung, da kommt Misstrauen auf", klagt etwa die IG Metall.
Die Metaller und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wollen dem Gremium daher jeweils ein – allerdings nicht stimmberechtigtes – Mitglied zuordnen, wie Bernd Knauber von der IG Metall am Freitag ankündigte. "Man sollte da mit möglichst vielen Augen draufgucken." Vier der neun Wahlvorstände sind Arbeitnehmervertreter im 16-köpfigen Aufsichtsrat von Europas führendem Softwarekonzern, einer von ihnen gehört der Christlichen Gewerkschaft Metall an. Die fünf weiteren Mitglieder sind SAP-Beschäftigte ohne Gewerkschaftsausweis. Knauber kritisierte, die neun Vorstände seien "stramm durchgewählt" worden: "Ich hab meine Bauchschmerzen dabei."
Seit der Gründung von SAP im Jahr 1972 haben die Gewerkschaften immer wieder versucht, einen Fuß in den Konzern zu bekommen – ohne Erfolg. Der Weltmarktführer für Unternehmenssoftware ist bekannt für seine flachen Hierarchien und seine umfangreichen sozialen Leistungen wie Gratiskantine und Kinderbetreuung. Noch Anfang März hatten 91 Prozent der Belegschaft einem Betriebsrat eine Absage erteilt. Den Stimmungsumschwung erklärt ein Unternehmenssprecher schlicht mit der gesetzlichen Notwendigkeit: Ab fünf ständig Beschäftigten ist laut Betriebsverfassungsgesetz ein Betriebsrat vorgesehen. Europas führender Softwarekonzern hat in Deutschland rund 14.000 Mitarbeiter, weltweit sind es knapp 35.900.
"Wenn schon ein Betriebsrat kommen muss, dann doch einer aus der Mitte des Unternehmens – und keiner, der per Gerichtsentscheid von betriebsfremden Gewerkschaften durchgesetzt wird", betont der Sprecher. Trotz der Ablehnung ihrer Kollegen wollten drei Beschäftigte, von denen die Initiative zur Gründung eines Betriebsrats ausgegangen war, zunächst vom Mannheimer Arbeitsgericht einen Wahlvorstand bestellen lassen. Vor dem Hintergrund des drohenden Rechtsstreits hatte der Unternehmensvorstand jedoch seinen Widerstand aufgegeben. Die drei Initiatoren, die zugleich Mitglieder der IG Metall sind, waren am Donnerstag bei der Abstimmung über den Wahlvorstand als Kandidaten klar durchgefallen.
Bisher hatten acht Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat zugleich auch die Interessen der Belegschaft gegenüber der Geschäftsleitung vertreten. Diese Rolle hätten sie aber nicht sehr erfolgreich ausgefüllt, moniert Gewerkschaftssekretär Knauber. "Es waren viel zu wenig Leute, um sich der Probleme der ganzen SAP-Welt anzunehmen." Voraussichtlich von Juni an sollen sich 35 bis 37 Betriebsräte um die gut 9000 Mitarbeiter an den Standorten in Walldorf und dem benachbarten St. Leon-Rot kümmern, wie der SAP-Sprecher berichtet. Die genaue Zahl hängt von der Anzahl der stimmberechtigten Mitarbeiter ab, die der Wahlvorstand nun prüfen muss.
Wie stark die Gewerkschaften im ersten Betriebsrat des großen deutschen Vorzeigeunternehmens vertreten sein werden, ist offen. Allerdings ist nur ein verschwindend geringer Teil der SAP-Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Im Vorfeld der ersten Abstimmung Anfang März hatte der SAP-Mitgründer und langjährige Vorstandschef Dietmar Hopp starke Vorbehalte gegen einen Betriebsrat geäußert. (Julia Ranniko, dpa) / (rek)