Cloud Computing und andere gefährliche IT-Trends
Man kann zum Thema WikiLeaks stehen, wie man will. Bemerkenswert ist aber auf jeden Fall, welche Abhängigkeiten und Gefahren der globalisierten IT-Welt damit zu Tage treten. Wer will da eigentlich noch Cloud Computing machen?
- Nicolai Josuttis
Verfolgt man das Geschehen um WikiLeaks in den letzten Wochen und Monaten, kann man leicht den Überblick verlieren. Jetzt beim Schreiben dieses Blogs habe ich mindestens 40 verschiedene Webseiten offen und versuche verzweifelt, mir ein Bild davon zu machen, was los ist und wie die Dinge zusammenhängen. Auf welchem Server findet man die Daten? Welche Daten werden gerade veröffentlicht? Wo ist Assange? Wer ist gut und wer ist böse?
Eines ist allerdings sicher: Der ganze Vorgang entlarvt auf mehreren Ebenen die Konsequenzen einer globalisierten IT-Welt. So fällt zum einen auf, dass wir hier offensichtlich in kürzester Zeit zum zweiten Mal einem Cyber-Angriff der "westlichen Welt" erleben. Nach Stuxnet, einem inzwischen ausführlich untersuchten Virus (PDF, 64 Seiten), der offensichtlich gezielt gegen nukleare Anlagen des Irans konzipiert war, haben wir nun einen Angriff gegen die Server von WikiLeaks, bei dem einiges dafür spricht, dass er vermutlich von der US-Regierung initiiert wird. Da ist es ja nur konsequent, dass NATO und EU aufrüsten. Nur scheint mir dies inzwischen weniger eine Vorbereitung auf zukünftige als eine Reaktion auf vergangene Vorgänge zu sein.
Interessant ist aber auch, welche globalen Key-Player nun plötzlich ihre Dienstleistungen aufkündigen, wie Rebecca MacKinnon bei CNN treffend beschreibt. Machen wir uns das einmal klar: Nur weil ein US-Senator Joe Lieberman und oder Amazon meinen, dass etwas illegal ist, wird eine Dienstleistung wie Cloud Computing nicht mehr erbracht. Das gerade massiv gepushte Thema Cloud-Computing wird mit Amazons Verhalten einer interessanten Bewährungsprobe unterworfen. Wer will bei Amazon gehostet werden, wenn man dort jederzeit herunterfliegen kann, wenn es einem US-Senator und/oder Amazon nicht passt?
Zusätzlich wird von EveryDNS der Domain-Name WikiLeaks.org abgeschaltet. Interessanterweise gibt es dabei auf der Website von EveryDNS unter dem Motto: "we believe in our New Hampshire state motto, Live Free or Die" die Erläuterung, dass WikiLeaks am 1. Dezember um 22 Uhr informiert wurde, dass das Routing für wikileaks.org (und später auch wikileaks.ch) 24 Stunden später abgeschaltet werden wird. Zu den Gründen der Abschaltung gibt es dort leider keine Angaben. Also auch hier wider keine Kriterien, nach denen entschieden wird, was erlaubt ist. Dies wird der Diskussion um die Kontrolle von Domain-Namen vermutlich neue Nahrung geben.
Bevor ich falsch verstanden werde: Ich selbst kann nur schwer beantworten, ob das Vorgehen von WikiLeaks legitim ist (zu den Motiven sei der Artikel der SZ vom 2. Dezember empfohlen). Aber was mit meinen Servern und Daten passiert, darf sicherlich nicht vom Wohl und Wehe weniger Politiker und Firmen abhängen. Wo ist der Unterschied zu chinesischen Politikern, die Google sperren und attakieren, weil ihnen die Meinungen dort nicht passen?
Und wenn mich jetzt jemand darauf hinweist, dass ich "legitim" geschrieben habe und es doch wohl nur einzig und alleine darum gehen kann, ob das ganze "legal" ist, dann weise ich darauf hin, dass die Zensur von Staaten wie China ja genau mit dem Hinweis erfolgt, weil betroffenen Webseiten illegal sind. Und wir wollen uns doch nicht auf eine Stufe mit der Zensur in China stellen, oder? ()