Krasses Kanal-Puzzle
Eine Geschichte fĂĽr alle: Der Science-Fiction-Thriller "Alpha 0.7" speist TV, Radio und Internet zugleich.
- Gordon Bolduan
Eine Geschichte fĂĽr alle: Der Science-Fiction-Thriller "Alpha 0.7" speist TV, Radio und Internet zugleich.
"Alpha 0.7 – Der Feind in Dir" so lautet der Titel des Science-Fiction-Mehrteilers, der gerade auf Arte und Co. ausgestrahlt wird. Obwohl sie die Zukunft beschreibt, passt die Geschichte doch erschreckend gut zu den prägenden Bildern der letzten Monate, in denen Senioren der Protest gegen Stuttgart21 zum Verhängnis wurde, Polizisten aufgrund der Terrorgefahr schwer bewaffnet über den Bahnhof patrouillierten und Cyber-Rebell Julian Assange die Supermacht USA mal so richtig verärgerte.
Ort der Handlung ist Stuttgart im Jahre 2017. Der Überwachungswahn ist vollständig ausgeufert. Maßnahmen wie Nacktscanner vor Schuleingängen sind selbstverständlich geworden und werden akzeptiert von Bürgern, für die Anpassung wichtiger als Freiheit ist. Dem Sicherheitstechnik-Unternehmen Protecta Society reicht dies jedoch nicht. Als Ausrüster von Regierungen und Unternehmen will es auf dem kommenden EU-Sicherheitsgipfel in Stuttgart ein Überwachungssystem vorstellen, mit denen sich die Gehirne von Bürgern und Mitarbeitern kontinuierlich scannen und damit kontrollieren lassen. Die Experimente dazu laufen noch. Die Probanden sind sieben Angestellte bei Protecta Society. Sie sind systematisch erfasst als Alpha 01 bis Alpha 07, wissen jedoch selber nichts von dem Experiment.
Die zukĂĽnftige Existenz eines solchen Systems ist durchaus denkbar. Schon heute verbringt die moderne Neurotechnologie scheinbare Wunder, indem sie StĂĽck fĂĽr StĂĽck die Sprache des Gehirns entschlĂĽsselt. Dies gelingt den Wissenschaftlern so gut, dass Philosophen bereits jetzt eine entsprechende Ethik dafĂĽr fordern.
Um nichts anderes geht es auch in der Serie, die im Rahmen der Reihe "Debüt im Dritten" entstanden ist. "Die Frage ist nur, wie unsere Gesellschaft mit den Technologien umgeht. Lassen wir uns von ihnen die Bedingungen diktieren, oder ordnen wir diese Technologien unserem ethischen Empfinden unter", erklärt Sebastian Büttner, der zusammen mit Oliver Hohengarten die Serie entwickelte.
Die Auswirkungen der Technologie werden insbesondere an den beiden Hauptfiguren deutlich. Johanna Berger ist 30 Jahre alt und gerade mit ihrer Tochter Maike von Berlin nach Stuttgart gezogen, um eine Controller-Stelle bei Protecta Society anzutreten und mit ihrem Mann nun auch unter der Woche eine Beziehung führen zu können. Ohne es zu wissen wird sie dabei zu einer Alpha-Angestellten. Die 25 Jahre alte Journalismus-Studentin Mila Antonovic dagegen (gespielt von Anna Maria Mühe) nimmt das Sicherheits-Unternehmen ganz bewusst auf das Korn. Radikalisiert durch den von Polizisten verschuldeten Tod einen Studenten im berüchtigten "Kölner Kessel" bei einer Demonstration gegen neue Überwachungsgesetze, gründet sie die Widerstandsbewegung Apollon, nach eigener Aussage "ein Netzwerk gegen Angst und die Kontrolle unserer Köpfe".
Alpha 0.7 kann zwar nicht mit den groĂźen Dystopie-Produktionen wie Minority Report oder iRobot mithalten, entwickelt aber dennoch einen eigenen Charme, insbesondere durch eine Reihe von Details, die Technikbegeisterten auffallen dĂĽrften. So ist beispielsweise das Gymnasium von Johannas Tochter nach Tim Berner's Lee benannt, der als Word-Wide-Web-Erfinder gerade erst vor wenigen Tagen mit in einem viel beachteten Essay die Ideale des WWW verteidigte.
Auch die schlicht unverschämten Sendetermine fallen nicht so sehr ins Gewicht, da Alpha 0.7 transmedial angelegt ist und daher seine Erzählstränge nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Radio und im Web vorangetrieben werden. Das mag sich für den gemütlicheren Sessel-Schauer anstrengend anhören, doch wer sich darauf einlässt, kommt gerade im Internet auf seine Kosten. Johanna postet hier regelmäßig in ihrem eigenen Online-Tagebuch, Tochter Maike ist mit eigenem YouTube-Channel präsent und natürlich verfügen auch Protecta Society und Apollon über liebevoll gefälschte Plattformen im Netz. Besonders amüsant: Die Appollon-Seite behandelt auch aktuelle Anlässe wie der Fortschritt beim Handelsabkommen ACTA oder die Nebenwirkungen der Terrorgefahr in Deutschland. So wird der Jugendmedienschutzvertrag -- im Sommer dieses Jahres erneuert – dort durch implantierte Hirnschrittmacher umgesetzt und Apollon zitiert genüsslich einen (fiktiven!) Innenminister aus Rheinland-Pfalz: "Wenn ein Teenager meint, sich pornographische Filme anschauen zu müssen, kann er künftig gleich einen Eimer neben den Monitor stellen."
Das Ergebnis dieser Puzzlestücke ist ein Erzählkosmos, der den Zuschauer förmlich in die Handlung hineinzieht und im ganz nebenbei noch Medienkompetenz verleiht. Immerhin lernt er spielerisch, wie leicht sich Institutionen im Netz fälschen lassen. Das dürfte auch so manche Fernsehanstalt freuen. Schließlich hat die reale Aktivistengruppe The Yes Men 2004 eindrucksvoll bewiesen, wie trügerisch die virtuelle Fassade sein kann. (bsc)