Wärmekraftwerk in der Hose
Eine recht betagte japanische Textiltechnik findet den Weg nach Deutschland: heizende Wäsche, die sich das Prinzip vollgestopfter japanischer Züge während der Rushhour zunutze macht.
- Martin Kölling
Eine recht betagte japanische Textiltechnik findet den Weg nach Deutschland: heizende Wäsche, die sich das Prinzip vollgestopfter japanischer Züge während der Rushhour zunutze macht.
Bei manchen Ideen habe ich fast das Gefühl, dass nur Japaner auf sie kommen können. Die beheizte Klobrille ist eine davon, Hokkairo, kleine Beutel, die geschüttelt Wärme produzieren, eine andere. Nun ist mir ein weiteres interessantestes Produkt aus dieser Kategorie über den Weg gelaufen: eine Kunstfaser namens "Breath Thermo" des japanischen Sportartikelherstellers Mizuno, die feucht geschwitzt Wärme produziert und die die Japaner merkwürdigerweise erst jetzt nach Deutschland und in andere europäische Länder bringen. Später zum "Warum" der Erfindungsflut an wärmenden Gerätschaften etwas mehr – zuerst zu dieser wundersamen Wolle an sich, die mich sehr überraschte.
Atsushi Shiraishi, ein Techniker bei Mizuno, drückte mir diesen Montag ein Knäuel aus reinem "Breath Thermo"-Textil in die Hand, sprayte Wasser darauf und bat mich, eine Faust zu machen. Autsch, sagte ich noch, bevor ich das Faserbündel überrascht wie ein Stück glühende Kohle fallen ließ. Denn mir fuhr ein Hitzeschmerz in die Hand. Ein Blick auf die Schaubilder einer Präsentation verdeutlichte mir den Grund der Schmerzempfindung: Ungefähr 1,3 kJ pro Gramm an Hitzegenerierung zeigte der Graph an, etwa viermal so viel wie Daunenfedern und zehnmal so viel wie Kunstseide, die von anderen japanischen Wärmewäscheherstellern verwendet wird.
Das Geheimnis soll eine Acrylfaser sein, die besser Wasser aufnimmt als Wolle, aber durch ihre Struktur weniger aufquillt. Die bessere Wasseraufnahme wird durch eine geheim gehaltene "funktionelle Gruppe" in der Faser gewährleistet, die Wassermoleküle besser bindet. Eine laut US-Patentschrift Stickstoff enthaltende Verbindung sorgt wiederum für eine Querverbindung und damit Stabilisierung der Faser. Dadurch können mehr Wassermoleküle in die Wolle gepresst werden, die dann durch Reibung Wärme produzieren. So wenigstens erklären Mizunos Manager den Trick. "Sie müssen sich das vorstellen wie in einer japanischen S-Bahn zu Rushhour", sagt ein Firmenvertreter. Die Wagengröße verändere sich nicht, aber Drücker pressten die Leiber hinein, die dann eng aneinander gedrängt stünden und eben schwitzten. Empirisch leuchtet mir als Bewohner Tokios die Begründung ein.
Das textile Kraftwerk arbeitet sogar so gut, dass Mizuno drei Mischungsstufen für seine Wärmeunterwäsche- und -sportkleidung festgelegt hat, damit sich der Wäscheträger wohlfühlt. Für Temperaturen von +15 bis -5 Grad Celsius ist die "Light Weight"-Kategorie mit einer fünfprozentigen Beimischung der Hightechwolle im Angebot. "Middle Weight" mit 15-prozentiger Beimischung wird für Außentemperaturen von +10 bis -15 Grad Celsius empfohlen und "Heavy Weight" mit 30-prozentiger Beimischung für 0 bis -25 Grad Celsius. Daneben gibt es noch Dampfsocken (die dank der desodorierenden Nebenwirkung der Faser auch nicht so schnell stinken sollen), Einzüge für Bettdecken und Matrazen und Pferdedecken (23000 Yen, also etwa 200 Euro, für die Stute und 9000 Yen für ihr Fohlen).
Dass Mizuno nun erst ernsthaft nach Übersee drängt, hat einen einfachen Grund. In Japan ist das Angebot an wärmender Wäsche so riesengroß geworden, dass Mizuno daheim einen knochenharten Preiskampf befürchtet. Die größten vier Anbieter werden voraussichtlich 100 Millionen Stück an Wärmewäsche auf den Markt werfen, erwartet Mizuno. Damit dürfte Japan mit Abstand der größte, aber auch am meisten umkämpfte Markt sein. In den USA, Frankreich und Italien, wo der Verkauf schon begonnen hat, erwartet Mizuno hingegen weit weniger Konkurrenzdruck und damit höhere Gewinnmargen als daheim.
Dennoch trägt der Vorstoß einen experimentellen Charakter, denn die Textilmärkte sind anscheinend kulturell sehr unterschiedlich. In Japan ist Funktionssportwäsche nur ein Segment von Wärmewäsche, Unterwäsche für jedermann dagegen der eigentliche Massenmarkt. Das ist leicht erklärlich: Wie ich schon früher geschrieben habe, gab es bis vor kurzem in japanischen Wohnungen keine fest eingebauten Heizungen. Geheizt wurde der Raum unter dem Kotatsu-Tisch, oder kurzzeitig das Zimmer elektrisch mit der Klimaanlage, Heizstrahlern oder Radiatoren – oder noch schlimmer mit Gas- oder Kerosinbrennern, die Wärme und Abgase in die Raumluft abgeben. Gleichzeitig sorgen die dürftige Isolierung der Wände und zugige Fenster dafür, dass sich die Zimmer- rasch der Außentemperatur annähert. Dies führt erstens zu einem hohen Bedarf an wärmender Technik, und damit zweitens zu einer Fokussierung des Erfindungsreichtums auf sie, was der Welt so wunderschöne Dinge wie eben beheizte Klobrillen beschert hat.
In den USA hingegen scheint wärmende Unterwäsche ein Ladenhüter zu sein, denn der dortige Bürger trägt seine Hemden gerne auf der nackten Haut, sagt ein Mizuno-Manager (mangels eigener empirischer Erfahrung muss ich ihm das mal glauben). Bei der Frage, ob wärmeproduzierende Unterwäsche auch in Deutschland gut gehen wird, scheint wenigstens die Konzernzentrale noch ein bisschen im Nebel zu stochern. Ich persönlich glaube eher, dass das Potenzial in Deutschland zwar wegen der Unterhemdenkultur größer als in den USA, aber wegen warmer Zimmer kleiner als in Japan. In Nippon würde ich auch tagsüber wie in der Nacht den leichten Typ dieser Wärmewäsche tragen wollen, weil die Unterschiede zwischen Außen- und Innentemperatur nicht so groß sind. Aber in Deutschland ist es innen vergleichsweise wohlig warm und draußen knackig kalt. Da würde ich wahrscheinlich heizende Wäsche nur für längere Exkursionen an frischer Luft benötigen. Oder bin ich schon zu lange aus Deutschland weg und sehe das falsch? (bsc)