Ă–dipale Maschinen

Forscher der TU Wien wollen aus der Psychoanalyse von Freud ein Modell fĂĽr Maschinendenken entwickeln. Das kann ja heiter werden.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 2 Min.
Von
  • Niels Boeing

Wir wissen nicht, ob Computer je werden denken können. ob sie gar ein Bewusstsein erlangen werden (vielleicht sollten wir uns das auch nicht wünschen). Dabei hat die Wissenschaft viel versucht, um Rechenmaschinen zur Intelligenz zu verhelfen.

Erst hat man es mit schierer Rechenpower versucht, dabei aber logische Operationen mit Denkvorgängen verwechselt. Später, in der "Neuen KI", hoffte man, Intelligenz könnte über Körperlichkeit und Verhalten ("embodiment") entstehen. Aber mehr als hübsche Reiz-Reaktionsmaschinen mit künstlichen Wimpern kam auch dabei nicht heraus.

Forscher aus Wien probieren es nun mit einem neuen Ansatz, den sie bei einem der berühmtesten Söhne der Stadt entlehnen: der Psychoanalyse von Sigmund Freud. Das klingt zunächst wie ein typischer Laborwitz. Aber die Argumentation der Informatiker Dietmar Dietrich und Dietmar Bruckner von der TU Wien ist nachvollziehbar. Da der Bottom-Up-Ansatz der KI-Forschung, aus vielen ausgeklügelten Einzelteilen Maschinendenken entstehen zu lassen, (bislang) erfolglos ist, wählen sie, vereinfacht gesagt, einen Top-Down-Ansatz: in diesem Fall über Freudsche Funktionen des Denkens.

Der Computer bekommt "Ich", "Es" – Triebe – und "Über-Ich" – Wert- und Moralvorstellungen – einprogrammiert. Das Computer-Es könnte laut Bruckner eines Tages Robotern ermöglichen, die ihre Aufgabe triebhaft erledigen: eine automatisierte Küche mit "Reinlichkeitstrieb", ein Industrieroboter mit dem Trieb, "eine Karosserie möglichst sauber zu lackieren".

Da sind auch jede Menge lustiger Doktorarbeiten vorstellbar: ein Roboter mit Ödipus-Komplex oder mit einem starken Sexualtrieb (den die arme Maschine dann nicht mal ausleben kann). Als Entwicklungsumgebung ist der Ansatz spannend. Aber wenn ich mir überlege, wieviel wir Menschen schon damit zu tun haben, mit unserem eigenen Es zurechtzukommen, sehe ich hübsche Komplikationen auf uns zu kommen, sollte das Konzept mehr Erfolg haben als die bisherigen Ansätze.

Andererseits fände ich ein maschinelles Über-Ich wünschenswert. Man könnte hier die Asimovschen Gesetze der Robotik hinterlegen. Dazu noch das Denken von Gandhi und einigen anderen Ethikern. Dieses Über-Ich sollte dann von einem internationalen Gremium standardisiert und nur als nicht änderbares Hardware-Modul verbaut werden.

Ich fürchte allerdings, dass die US-Armee diesem Gedanken im Zuge der geplanten Robotisierung von Streitkräften nicht viel abgewinnen kann. Die dürfte sich mehr für ein Computer-Es mit Aggressionstrieb interessieren. (nbo)