Hassliebe

In der relativ jungen IT-Branche sind Jubiläen jenseits der 20 Jahre immer noch etwas Besonderes, zumal wenn man die Zeitreise an einem Produktnamen nachvollziehen kann. Eine durchaus persönlich gefärbte Reverenz vor Windows.

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Von
  • Wolfgang Möhle

Seit einem Vierteljahrhundert verfolge ich die Entwicklung von Windows. Nun ja, ehrlich gesagt erst – wie die meisten – seit 20 Jahren mit dem Start von Windows 3.0, und das sowohl als betroffener Anwender als auch reflektierend, als Redakteur der iX. Davor waren diese komischen Erscheinungen, die 1.X- und 2.X-Versionen, eher von akademischem Interesse. Hatten doch andere Unternehmen schon vorher gezeigt, wie ein fensterbasiertes GUI aussehen kann: Xerox 1979 mit dem Star-System, Apple 1983 mit Lisa. Die blieben aber Visionen, da sie aufgrund der geforderten Hardwareressourcen praktisch unbezahlbar waren.

Dann, im Jahr 1985, kamen gleich zwei Systeme auf den Markt: GEM von Digital Research, auf einer Atari-TOS-Plattform bereits mit ĂĽberlappenden Fenstern, und Microsoft mit einer statischen Screen-Aufteilung fĂĽr die klassische PC-Plattform. Die Redmonder nannten das Windows und verpackten darunter ihr DOS. Es ist interessant, die Vermarktungsstrategien Revue passieren zu lassen: auf der einen Seite Digital Research und Atari, auf der anderen Microsoft und IBM. Atari wurde das Spielekonsolen-Image nicht los (auĂźer in Deutschland) und hatte, obwohl das Produkt objektiv besser war, letztlich gegen die Marktmacht von IBM keine Chance, das seinerseits zusammen mit Microsoft konsequent auf den kommerziellen Einsatz setzte.

Aber, wie erwähnt, die ersten beiden Versionen wollte keiner wirklich haben. Womit man gleich zur Version 3, dem – in meinen Augen – eigentlichen Start von Windows im Jahr 1990 kommen sollte. Endlich konnte auch Microsoft ein „echtes“ Fenstersystem bieten, allerdings immer noch als DOS-Aufsatz. Die streng kommerzielle Ausrichtung wurde mit dem Media Player V1 aufgeweicht. Anwender konnten sich entscheiden, ob sie Mitleid mit der sich quälenden Soundkarte oder mit ihren Ohren haben sollten: Es klang grausam.

Die nächsten beiden Versionen tragen das Geburtsjahr im Namen: Windows 95 und Windows 98. Außer technischen Verbesserungen im Detail – vor allem im Multimediabereich – bleibt der mit der 95er-Version erreichte Durchbruch im Massenmarkt im Gedächtnis; die medienwirksam aufbereiteten Schlangen vor den PC-Shops, die pünktlich um Mitternacht die Türen öffneten. PCs waren inzwischen auch für den Privathaushalt erschwinglich, und eine wirkliche Alternative zu Windows 95 gab es nicht.

Die erste Zäsur: Noch vor Windows 98 kam 1996 NT 4.0 auf den Markt. Auch bei dieser Produktlinie sollte man die Versionen vorher besser verschweigen. NT war ein zunächst eindeutig auf den kommerziellen Markt ausgerichtetes 32-Bit-Betriebssystem, das sich erstmals von den DOS-Fesseln befreite. Mit der 32-Bit-Auslegung begann aber der Fluch der Abwärtskompatibilität, der Microsoft auf der einen oder anderen Ebene bis heute nicht mehr loslassen sollte. Neu war, dass es mit der NT-Version eine Servervariante gab, die in der Folge Novell langsam, aber stetig die PC-Netze streitig machte. So mancher NT-Server tut heute noch im Stillen seinen Dienst. Die Workstation-Version blieb aufgrund der Treiberprobleme ein Nischenprodukt.

Version 2000 war eine NT-Weiterentwicklung; auch sie gab es als Client- und als Serverversion. Inzwischen hatten sich die Hersteller von Hardwarekomponenten den neuen Treiberanforderungen gestellt, Inkompatibilitäten bei zeitnah erstandener Hardware entschärften sich. Windows 2000 galt als sehr stabil und wurde im kommerziellen Umfeld eingesetzt, beispielsweise im Bankensegment, wo es nach und nach IBMs betagte OS/2-Betriebssysteme ablöste.

Für private Anwender blieb aber Windows 98 das Maß der Dinge. Daran konnte auch die Zwischenversion ME nichts ändern; ich kenne beispielsweise niemanden, der ME im Einsatz hatte. Das änderte sich grundlegend 2001 mit XP, dem Nachfolger von Windows 2000. Damit wurde zum ersten Mal ein 32-Bit-Betriebssystem auf Windows-Basis für den Endanwender interessant. Treiberprobleme gehörten praktisch der Vergangenheit an, konzeptionelle Security-Fragen, wie sie Microsoft später kompromisslos anging, nahm noch keiner ernst. XP wurde der wohl größte Erfolg von Microsoft. Gleichzeitig aber auch ein Fluch, denn man merkte in Redmond natürlich, dass man moderne Designkonzepte gerade im Bereich Sicherheit – die es damals schon gab – einfach ausgeblendet hatte. Die Popularität von XP hält bis heute an: Man verschmähte Vista, weil es zu unbequem war, und es sollte fast neun Jahre dauern, bis XP langsam vom aktuellen Windows 7 abgelöst wurde.

Die zweite Zäsur: Der Kulturschock, den Vista 2006 auslöste, war mit dem von NT vergleichbar. Neben den üblichen Treiberproblemen ließen sich Anwendungen, die so schön unter XP liefen, plötzlich nicht mehr installieren oder hakelten. Was war passiert? Microsoft hatte die eigenen Sicherheitsrichtlinien endlich ernst genommen und Programmen verboten, beispielsweise ins root-Verzeichnis zu schreiben oder verbotene Registry-Pfade zu verwenden. Schlampig programmierte Programme, die nur mit Admin-Privilegien laufen können, müssen diese Rechte explizit beim Anwender einfordern. Das ist lästig, aber es zeigt gleichzeitig, wie viele schlecht programmierte Anwendungen früher unentdeckt ihr Unwesen treiben konnten. Ich habe aufgrund solcher Mechanismen diese Programme einfach ausgesondert und durch Alternativen ersetzt, die im User Mode laufen.

Die übrigen Probleme haben sich nach dem ersten Service Pack erledigt. Im Prinzip kann man mit Vista gut leben. Der Name ist aber marketingmäßig verbrannt. Ein weiteres Service Pack, böse Zungen behaupten ja, Windows 7 sei genau das, hätte die Massen nicht von ihrem XP fortgelockt. Also musste im letzten Jahr besagtes Windows 7 als neues Produkt erscheinen, bei dem man „User Access Control“, die Ursache der sinnvollen Nachfrage, einfach abschalten kann – ein glatter Rückschritt. Und die XP-Kompatibilität mittels einer virtuellen Maschine hätte man auch mit Vista haben können. Parallel zu Vista und Windows 7 erschienen zwei Serverversionen (2003 und 2008). Letztere firmiert zurzeit als Release 2 mit dem eingebautem Virtualisierer Hyper-V R2. Der 2003er-Server-Kernel ist übrigens mit dem von XP, der vom 2008-Server mit dem Kernel von Vista/Windows 7 weitestgehend identisch.

Natürlich muss man „sein“ Betriebssystem nicht lieben. Ich liebe meine Frau, nicht meine diversen Rechner. Was Windows angeht: Nein, es ist nicht perfekt, nein, es ist nicht mal fehlerfrei, aber es ist seit vielen Jahren nach meiner Einschätzung das jeweils beste verfügbare Betriebssystem. (wm)