Hoffnung für die Zukunft
Über die alte Macht des Fernsehens und wie es mit dem Bloggen losging, als es noch gar nicht so genannt wurde.
- Peter Glaser
Über die alte Macht des Fernsehens und wie es mit dem Bloggen losging, als es noch gar nicht so genannt wurde.
Ich will mal erzählen, wie ich zum Bloggen gekommen bin. Vor etwas über 30 Jahren saß ich das erste Mal vor einem Computer (genau genommen sind es etwas über 40 Jahre, aber das ist eine andere Geschichte). Ein Freund hatte mir gesagt, dass er einen zu Hause hat. Das war damals etwas sehr Ungewöhnliches. Medien waren zu dieser Zeit etwas, das man konsumiert hat. Es gab einen Sender, eine Redaktion, einen Verlag, und man selbst war der Empfänger. Das war die festgelegte Richtung.
Als ich vor dem kleinen Computer saß, war das für mich eine Mischung aus einem Fernseher und einer Schreibmaschine. Es war sensationell. Ich konnte jetzt etwas schreiben, und es war sofort im Fernsehen! Ich war begeistert – und so wie ich, sind in den letzten drei Jahrzehnten viele Millionen Menschen von dieser Begeisterung erfasst worden. Man kann nicht mehr nur zusehen und zuhören und lesen. Man kann etwas tun. Das ist die Grundstimmung beim Bloggen.
Es gab damals in den achtziger Jahren erste Computernetze (etwa die Tiernetze Fidonet, Z-Netz und MausNet oder das GeoNet von Günther Leue), die von Amateuren über das Telefonnetz aufgebaut wurden. Irgendwann hatte ich die Idee, dass man mit Hilfe dieser neuen Kommunikationsmittel gemeinsam mit anderen Menschen Tagebuch schreiben könnte. Das Interessante daran war: Man müsste nicht mehr warten, bis solche Texte gedruckt waren. Man könnte sie sofort lesen, genau wie Nachrichten.
Das Tagebuch ist eine offene, ungezwungene Form, die jeder benutzen kann. Auch wenn es ein Journal ist, muss man sich nicht an journalistische Formen halten. Man kann experimentieren, oder einfach drauflosschreiben. Ich war damals immer ein bisschen wütend, wenn ich die Fernsehnachrichten gesehen habe, die "Tagesschau" um 8 Uhr abends, die Hauptnachrichten. Ein Sprecher saß da und sagte sozusagen: "Guten Abend, ich bin die Wirklichkeit". Ich saß dann immer da und dachte: Aber ich bin doch auch die Wirklichkeit! Ich hätte auch etwas zu erzählen.
Und dann gab es mit dem Computer auf einmal die Möglichkeit, das auch tatsächlich zu tun. Ich nannte das Projekt "Europäisches Tagebuch". 1992 gab es einen entscheidenden Anlass, mit diesem Tagebuch anzufangen: Zu dieser Zeit war Krieg im ehemaligen Jugoslawien. In Zagreb, der Hauptstadt von Kroatien, gab es einen Friedensaktivisten namens Wam Kat. Er hat über die Kriegszeit Tagebuch geführt. Und er hat dieses Tagebuch online verbreitet. Ich habe es im Netz gelesen, und immer wenn etwas Neues kam, habe ich es ins Deutsche übersetzt und dem Europäischen Tagebuch hinzugefügt. Die Bezeichnung "Blog" gab es damals noch nicht.
Ein Jahr später begann das Internet-Zeitalter. Im März 1994 hielt der damalige amerikanische Vizepräsident Al Gore eine Rede vor der International Telecommuniation Union (ITU), in der auch Wam Kat und sein Tagebuch erwähnt wurden: "Es gibt einen holländischen 'Peaceworker', Wam Kat, der von Zagreb aus ein elektronisches Tagebuch im Internet verbreitet hat und seine Beobachtungen über das Leben in Kroatien mit den Menschen im Netz teilt. Viele Menschen haben Geld gespendet, nachdem sie das Tagebuch von Kat gelesen hatten. In einer Stadt, die vom Krieg zerstört war, konnten damit 25 Häuser wieder aufgebaut werden. Es war keine Regierung und keine Behörde, die das veranlasst hat. Es waren die Menschen. Solche Dinge lassen für die Zukunft hoffen."
Hier sind wir nun, in dieser Zukunft.
Es ist ein gewaltiges soziales Experiment, das nun in den Dialogbereichen des Internet stattfindet. Überall auf der Welt versuchen Menschen zu lernen, wie man online miteinander umgehen kann. Wie man im Internet leben kann. Bis vor ein paar Jahren erinnerte das Netz mit vielen, statischen Websites eher an eine lange Schaufensterreihe. Seit ein paar Jahren ändert sich das, und zwar sehr rasch und in großem Umfang, hin zu sozialen Medien und zu Dialogformen.
Die Informationsgesellschaft hat in dem Moment begonnen, in dem klar war, dass zu viel Information da ist. Das ist unsere Ausgangssituation. Es gibt kaum einen Platz, an dem man das besser lesen kann und lernen kann, als in Blogs. Write the best, link the rest! (bsc)