Bohrende Fragen

Die Moratoriumspläne sind vom Tisch, auch wenn die US-Regierung BP nun verklagt: Ein halbes Jahr nach dem größten Unfall in der Geschichte der Offshore-Förderung geht die Ölindustrie zum Tagesgeschäft über. Alles wieder schön?

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Von
  • Niels Boeing
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Die Moratoriumspläne sind vom Tisch, auch wenn die US-Regierung BP nun verklagt: Ein halbes Jahr nach dem größten Unfall in der Geschichte der Offshore-Förderung geht die Ölindustrie zum Tagesgeschäft über. Alles wieder schön?

Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis der Weltöffentlichkeit eingebrannt haben: eine in Flammen stehende Bohrinsel, ein bis zum Horizont reichender Ölteppich im Golf von Mexiko, das hilflose Krisenmanagement des ehemaligen BP-Chefs Tony Hayward. Für die Ölindustrie markiert das "Deepwater Horizon"-Fiasko den schwersten Unfall in ihrer Geschichte. Einen Wendepunkt jedoch nicht: Der Wettlauf um das Öl in der Tiefsee dürfte in den kommenden Jahren erst so richtig in Fahrt kommen. Längst zeichnet sich ab, dass in Wassertiefen von 500 Metern und mehr verlockende Ölreserven schlummern.

Etwa ein Drittel aller neuen Funde entfiel im vergangenen Jahrzehnt bereits auf Felder in der Tiefsee. Die dort förderbaren Reserven beziffert die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auf etwa zehn Milliarden Tonnen, etwa 73 Milliarden Barrel. Optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Tiefsee-Ressourcen sogar auf bis zu 100 Milliarden Tonnen oder 730 Milliarden Barrel belaufen – das wäre fast viermal so viel wie die 28 Millionen Tonnen, die bislang aus küstennahen Offshore-Vorkommen gefördert worden sind und entspräche knapp zwei Drittel aller derzeit nachgewiesenen Ölreserven. Verlockend ist die Aussicht, sich mithilfe dieser unterseeischen Schätze aus der Energieklemme zu befreien. BP zum Beispiel bereitet – ungeachtet seines Desasters vor der texanischen Küste – schon das nächste Tiefseeprojekt vor: im Mittelmeer. Aber ist das Risiko nicht zu hoch? Hat das Unglück im vergangenen Sommer nicht bewiesen, dass der Förderprozess in mehrere Kilometer tiefem Wasser letztlich unbeherrschbar ist?

Öl-Lagerstätten in der Tiefsee

(Bild: TR)

Seit der Deepwater-Horizon-Katastrophe empfehlen besonnene Meeresforscher und alarmierte Umweltschützer, den Aufbruch in die Tiefsee abzublasen. Die Ölindustrie hin-gegen ist zuversichtlich, gut gerüstet zu sein. "Unsere Bohrschiffe ermöglichen Bohrungen in 4000 Meter tiefem Wasser, mit einer Gesamttiefe von bis zu 13000 Metern", preist etwa Transocean, Betreiber der abgebrannten Deepwater Horizon, seine Technologie an. "Die Offshore-Technik ist bereits sehr robust, vielleicht eine der robustesten überhaupt", sagt auch Michael Economides, Professor für Erdölingenieurwesen an der University of Houston. Das Procedere ist in Jahrzehnten immer weiter verfeinert worden und hat sich, darin sind sich Experten einig, bewährt.

Das größte Problem, das die Ölindustrie beschäftigt, ist denn auch kein konzeptionelles: "Je tiefer Sie hinunter wollen, desto schwerer wird Ihre Ausrüstung – und desto teurer die Operation", sagt Matthias Reich, Bohrtechnik-Experte an der TU Bergakademie Freiberg. Denn mit zunehmender Tiefe muss im Bohrturm immer mehr Gestänge verschraubt, müssen im Bohrloch immer mehr Rohre zementiert werden. Je mehr Gestänge und Rohre nötig sind, desto größer muss die Plattform werden, um mehr als tausend Tonnen Stahl für den kilometerlangen stählernen Rüssel zu lagern, der sich in den Meeresboden bohrt.

Eine halbe Milliarde Dollar betragen die Baukosten für eine Bohrinsel, die für Operationen in Meerestiefen von 3000 Metern und mehr ausgelegt ist. Plattform-Betreiber wie Transocean verlangen deshalb horrende Tagesmieten von den Ölkonzernen: Über eine halbe Million Dollar zahlte BP für die Deepwater Horizon pro Tag. Hinzu kommt eine weitere halbe Million für technische Dienstleistungen und Material, ebenfalls pro Tag – das sind zusammengerechnet Betriebskosten von 42000 Dollar pro Stunde.

Jeder Bohrstopp, sei es wegen Rohrverlängerungen oder Zementierungen, einem festgefahrenen Meißel oder gar dem langwierigen Austausch von defekten Teilen, ist da für die Unternehmen ein erheblicher Kostenfaktor. Um außerhalb der Kontinentalschelfe und unterhalb von 1500 Metern noch wirtschaftlich operieren zu können, verfolgen die Unternehmen deshalb zwei Strategien: die Bohrung zu beschleunigen sowie die Ausbeute der Ölfelder zu steigern.