Töpfer: Forscher müssen Gesellschaft frühzeitig einbinden

Eine Denkfabrik für Klimaforscher soll das neue Potsdamer Institut IASS sein. Vor eineinhalb Jahren stellte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) die ehrgeizigen Pläne vor. Seitdem ist der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer mit dem Aufbau befasst.

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Von
  • Marion van der Kraats
  • dpa

Die Wissenschaft muss die Gesellschaft besser und früher in den wissenschaftlichen Fortschritt einbinden. Dies forderte der frühere Bundesumweltministers Klaus Töpfer in einem dpa-Gespräch. Wissenschaftliche Fortschritte hätten es zunehmend schwer, auf Akzeptanz zu stoßen. "Die Frage lautet darum: Wie können sich demokratische Mehrheiten entwickeln für Entscheidungen, die kurzfristige Nachteile tatsächlich oder vermeintlich bewirken, die aber mittel- und langfristig zwingend notwendig sind", meinte Töpfer.

Helfen soll dabei das neue Potsdamer Institut für Klima, Erdsysteme und nachhaltige Entwicklung IASS (Institute for Advanced Substainability Studies), dessen Gründungsdirektor Töpfer ist. Unter seiner Leitung sind entsprechende Projekte am IASS in Angriff genommen worden, berichtete er. Diskussionen zu Bereichen wie der Gentechnik, der Nanotechnik oder auch zur Verarbeitung des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) verdeutlichten die Herausforderung: In diesen Bereichen würden komplexe Lösungen erarbeitet. "Die Einstellungen und Kenntnisse in einer offenen, demokratischen Gesellschaft erfordern weiterreichende, tiefe Dialoge", so Töpfer.

Dies werde deutlich bei Protesten wie Stuttgart 21 oder gegen das sogenannte CCS-Gesetz zur unterirdischen Lagerung von CO2. Die frühzeitige Information und Einbindung in den wissenschaftlichen Forschungsprozess werde nötig, um derartige Gräben nicht entstehen zu lassen.

Töpfers neues Institut will bestehendes Wissen bündeln, kritisch reflektieren – und Wissenschaftler aus aller Welt zum Querdenken anregen. Wissenschaftlicher Direktor des IASS ist seit vergangenem Juni Physik-Nobelpreisträger Carlo Rubbia, der über viele Jahre Generaldirektor der European Organization for Nuclear Research (CERN) war. In Potsdam wolle sich Rubbia vor allem der Nutzung von CO2 widmen, berichtete Töpfer.

"Dies ist ein weltweit in der Wissenschaft intensiv behandeltes Thema von größter Bedeutung", so der Umweltpolitiker. "Es wäre in besonderer Weise sinnvoll, wenn es möglich wäre, CO2 nicht als Abfall unter der Erde zu verpressen oder in die Atmosphäre entweichen zu lassen, sondern beispielsweise für die Produktion von Methanol nutzen zu können."

Neben Professor Rubbia und Töpfer soll als dritter wissenschaftlicher Direktor ein Wissenschaftler gewonnen werden, dessen Forschungen sich auf Klimaveränderungen ausrichten, die nicht nur von CO2, sondern von anderen Ursachen, etwa von Partikeln insgesamt und von Rußpartikeln in ihren Auswirkungen auf die Eissysteme dieser Welt konzentrieren.

Laut Töpfer sind ein gutes Jahr nach Gründung des Instituts alle wesentlichen Arbeiten im Bereich der Gebäude, der Administration und der Entscheidung über ein Arbeitsprogramm abgeschlossen. Der Mitarbeiterkern sei an Bord, einige Positionen müssten aber noch ergänzt werden – vor allem im Computerbereich. "Diese Personalien müssen aber mit den Wissenschaftlern abgestimmt werden, weil diese sehr komplexe IT-Systeme anwenden." Derzeit gibt es laut Töpfer 19 feste Mitarbeiter, später sollen es 35 bis 36 sein. Hinzu kommen bis zu 50 vornehmlich junge Wissenschaftler, die am Institut forschen.

Erste Workshops mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt hat es bereits gegeben, berichtete Töpfer. Weitere sind nun kontinuierlich geplant. Diese sollen sich auf eine intensive fachliche Diskussion von jeweils maximal 30 Teilnehmern konzentrieren, nicht auf breite Außenwirkung. "Wir wollen offen diskutieren können – und nicht mit angezogener Handbremse", meinte er. Zudem sei eine internationale Vernetzung geplant. "Bei der jüngsten gemeinsamen Sitzung der Regierungen von Deutschland und Frankreich ist vereinbart worden, dass die Franzosen ein Parallelinstitut zum IASS in Paris gründen." (anw)