Ein Hauch von Minority Report

Bei der Kriminalitätsbekämpfung setzt eine wachsende Zahl von Städten in Großbritannien und den USA auf Prognose-Software, die Warnhinweise auf potenzielle Delikte gibt. Laut Polizeibehörden sollen sich Straftaten dadurch um bis zu 30 Prozent reduziert haben.

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Von
  • Lauren Cox

Bei der Kriminalitätsbekämpfung setzt eine wachsende Zahl von Städten in Großbritannien und den USA auf Prognose-Software, die Warnhinweise auf potenzielle Delikte gibt. Laut Polizeibehörden sollen sich Straftaten dadurch um bis zu 30 Prozent reduziert haben.

Im Real Time Crime Center in Memphis, Tennessee, herrscht Arbeitsteilung: Während Polizisten Videos von Überwachungskameras nach verdächtigen Bewegungen absuchen, werten im Hintergrund Computer unablässig Daten zu den heiklen Orten der Stadt aus. Plötzlich blinkt auf einem Stadtplan ein roter Punkt auf – ein Hinweis der Software, dass sich eine gefährliche Situation anbahnt. Der diensthabende Polizist muss nun entscheiden: Hält er die Warnung für realistisch, schickt er einen Streifenwagen los, um vielleicht Übeltäter in flagranti zu erwischen. Im Idealfall verhindert die rechtzeitige Präsenz der Polizei, dass es überhaupt zu einer Straftat kommt.

Wer denkt hier nicht an den Sciencefiction-Thriller „Minority Report“? In dem 2002 erschienenen Film sehen Psychomutanten Verbrechen voraus. Die Szenen aus ihren Visionen mobilisieren „Precrime“-Beamte, die sofort an den künftigen Tatort eilen, um Verbrecher noch vor ihrer Tat zu verhaften. Larry Goldwin, Polizeipräsident von Memphis, winkt ab. Mit Stephen Spielbergs Blockbuster habe die Arbeit des Real Time Crime Centers nicht zu tun. Niemand werde präventiv verhaftet, versichert Goldwin. Die Software versuche vielmehr, für bestimmte Orte die Wahrscheinlichkeit von Einbrüchen, Drogengeschäften, Bandenkriegen oder anderen illegalen Aktivitäten zu ermitteln, bevor sie sich ereignen.

Realität 2010: Polizisten im Real Time Crime Center von Memphis beim Durchsuchen von Stadtplänen nach Hinweisen auf potenzielle Straftaten.

(Bild: IBM)

Dazu kombiniert das von IBM entwickelte „Blue CRUSH“-Programm (Crush steht für „criminal reduction utilizing statistical history“) Daten aus bisherigen Straftaten mit Wetterberichten, ökonomischen Indikatoren und Informationen über öffentliche Ereignisse wie Konzerte oder auch Zahltage. Ergebnis ist eine Reihe von Kriminalitätsmustern, die darauf hinweisen, wann und wo es Probleme geben könnte. „Das öffnet Ihnen in Ihrem Revier die Augen“, schwärmt Godwin. „Sie können buchstäblich wissen, wo Sie Ihre Beamten zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Straße positionieren müssen.“ Seit die Software 2005 eingeführt wurde, sei die Kriminalitätsrate von Memphis um 30 Prozent gesunken.

Memphis gehört zu einer wachsenden Zahl von Städten in den USA und in Großbritannien, die bei der Verbrechensbekämpfung auf Analysesoftware von IBM, SAS Institute und anderen Herstellern setzen. Und aus all diesen Städten werden ähnliche Resultate vermeldet: In Richmond, Virginia, etwa sank die Anzahl der Morde seit 2006 um 32 Prozent – in jenem Jahr installierte die örtliche Polizei erstmals ein Prognosesystem.

Mitfinanziert wird deren Einsatz in den USA vom National Institute of Justice (NIJ), der Forschungseinrichtung des Justizministeriums. Aber auch andere nichtkommerzielle Institutionen stellen Geld zur VerfĂĽgung: Die RAND Corporation, ein sicherheitspolitischer Thinktank, arbeitet mit der Chicagoer Polizei zusammen, um mittels rechnergestĂĽtzter Analyse die Bewegungen von kriminellen Banden vorauszusehen.

Je mehr Gelder zur Verfügung stünden, desto mehr Großstädte würden sich dieser Technologie zuwenden, sagt Jeffrey Brantingham an der University of California in Los Angeles (UCLA). Der Anthropologie-Professor leitet ein Forschungsteam aus UCLA-Wissenschaftlern und Polizisten, das verschiedene Prognosesysteme für den Polizeieinsatz testet. Das NIJ finanziert das Projekt mit drei Millionen Dollar.

Brantingham geht es dabei weniger darum, die Software auf die Verhältnisse von L.A. zu trimmen, als vorhersehbare Muster im allgemeinen menschlichen Verhalten zu entdecken. „Die Menschen nutzen im Wesentlichen ihre lokale Umgebung, sie legen also keine großen Strecken zurück, um Milch einzukaufen“, nennt Brantingham ein Beispiel. „Genauso operieren Einbrecher meist in der Nähe des Ortes, wo sie wohnen, arbeiten oder einfach herumhängen.“

Angesichts der steigenden Nachfrage sieht IBM im Geschäft mit der Prognose-Software ein großes Potenzial. In den vergangenen vier Jahren hat der IT-Riese laut IBM-Sprecher Robert Reczek 14 Milliarden Dollar in 24 Firmenübernahmen gesteckt, um seine Analyse-Abteilung aufzustocken. In der würden über 200 Mathematiker ausschließlich an neuen Konzepten arbeiten, sagt Reczek.

Nicht nur die Polizei interessiert sich für die Technologie von IBM. Unter den potenziellen Anwendungsfeldern seien auch die Aufdeckung von Betrugsfällen in Krankenversicherungen, von getürkten Universitätsbescheinigungen oder von Informationslecks in Bundesbehörden, erläutert William Haffey, Verkaufsleiter der IBM-Abteilung SPSS, die die Blue-CRUSH-Software entwickelt hat.

Die Prognoseprogramme spucken mitunter auch Warnhinweise aus, die nicht unbedingt auf der Hand liegen. Als Beispiel nennt Haffey eine potenzielle Zunahme an Diebstählen in einer lokalen Shopping-Mall, wenn ein dreitägiger Dauerregen an einem langen Wochenende ausgerechnet Samstags aufhört.

Ein Patentrezept gegen Kriminalität sei die Technologie jedoch noch nicht, meint Mark Greenwald, Planungsleiter des Amtes für Jugendgerichtsbarkeit in Florida. Zwar sei die Software nützlich und habe es dem Amt erleichtert, generelle Trends zu erkennen. „Aber sie hat viele Funktionalitäten, die wir mangels Personal noch nicht ausschöpfen konnten“, so Greenwald. Die Technologie sei nur so gut wie die Daten, die eingespeist werden – und dafür seien mehr Beamte und mehr Geld notwendig. Und schließlich müsse es noch genug Polizisten geben, die an die Orte geschickt werden können, für die die Software Warnungen ausgibt. (nbo)