Getting Things Undone
Organisation ist das halbe Leben, fĂĽr manche auch das ganze. Milena trifft auf OmniThings auf dem iPad, versucht, Weihnachten zu organisieren und verliert sich in Metaebenen. Das kann nur gut gehen.
- Marcel Magis
"Stör mich nicht."
Ich zog mit der Kaffeekanne wieder in die Küche ab. Milena ist – im Gegensatz zu mir – ein sehr strukturierter Mensch. Sie liebt Papierkram in jeglicher Form und kann Stunden damit verbringen, Listen anzulegen. Für unsere letzte Urlaubsliste hat sie zwei Tage gebraucht, am Ende hatte sie fast 100 Punkte drauf: vom Angelhaken bis zum Wattestäbchen. Als ich die Liste sah, hob ich eine Augenbraue.
"Schatz, wir angeln nicht, wozu brauchen wir einen Angelhaken?"
"Du willst doch nicht wirklich jeden Punkt diskutieren?"
"Nein, aber den."
"Einen Angelhaken kann man immer brauchen. Das merkt man erst, wenn man einen bräuchte, und dann keinen dabei hat."
Ich verzichtete darauf, ĂĽber andere Punkte auf der Liste zu diskutieren, und wir fuhren fĂĽr fĂĽnf Tage nach Sylt. Einen Angelhaken brauchten wir nicht.
(Bild:Â bm.iphone, Lizenz CC by-sa via Flickr)
Inzwischen war es Oktober und Milena begann, Weihnachten zu planen – Geschenke, Weihnachtslieder und -schmuck, Lebensmitteleinkäufe und so weiter – unser nicht gerade kleiner Wohnzimmertisch war mit Zetteln und Blättern mit komplizierten Diagrammen, Organigrammen und Was-weiß-ich-für-grammen übersät.
Dann entdeckte Milena das Programm "OmniThings" für ihr iPad und beschloss, die Zettelwirtschaft durch eine digitale Verwaltung zu ersetzen. Seitdem war sie nicht mehr ansprechbar, wir hatten keinen Sex mehr und die Papierstapel auf dem Wohnzimmertisch wuchsen sogar noch, anstatt allmählich zu schrumpfen. Meine Fragen nach dem "Warum" verhallten und selbst auf das Maunzen von Stevie reagierte sie nicht. Irgendwann gaben Stevie und ich auf und ich versuchte, mich an das neue Single-Dasein mit Kater zu gewöhnen.
(Bild:Â Hajime Nakano, Lizenz CC by-sa via Flickr)
Ich fütterte Stevie gerade in der Küche mit Mettbällchen, als ich ein leises Schluchzen aus dem Wohnzimmer hörte. Ich lugte hinein. Milenas Kopf lag auf dem iPad, alle Blätter und Zeichnungen hatte sie zuvor vom Tisch gefegt. Das Wohnzimmer sah sehr herbstlich aus.
"Was ist mit dir, Schatz?" sagte ich so sanft und zärtlich wie möglich.
Sie hob ihren Kopf und schaute mich mit verheultem Gesicht an.
"Wer bist du denn?"
Ich war irritiert.
"Ach ja", sagte sie. "Jetzt weiĂź ich es wieder. Das ist es ja. Wo warst du die ganze Zeit?"
"Ich war immer da."
"Ich kann nicht mehr."
"Was?"
"Zettel und Listen und so. Am Anfang lief alles gut, aber dann hatte ich immer wieder neue Ideen, wie man was organisieren kann und ich habe angefangen, Listen anzulegen, welche Listen ich machen möchte und wann. Du, man kann sogar Orte eintragen und wenn du am Supermarkt vorbeikommst, sagt dir dein iPhone, dass du dort einkaufen musst."
"Na toll", sagte ich.
"Wie lang habe ich das jetzt gemacht? Liebling, ich will wieder leben."
"Ich hab einen Vorschlag fĂĽr dich."
"Was denn?"
"Getting Things Undone'"
Milena lächelte. Das erste Mal seit zwei Wochen. Sie schaltete das iPad aus.
Was ich ihr nicht erzählte: Ich hatte eine eigene, geheime Liste gemacht. Für diese brauchte ich weder ein iPad, noch Stift und Zettel. Ich würde sie nun Punkt für Punkt abarbeiten. Die Liste umfasste alles, was wir in den letzten zwei Wochen an Gemeinsamkeiten verpasst hatten. Ich begann mit Punkt 1, Milena zu küssen. (se)