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Die Netzbetreiber hoffen auf Videotelefonie als Anwendung Nr. 1 in künftigen Mobilmarkt. Dafür müssten die verschiedenen Dienste aber auch untereinander erreichbar sein.
- Tom Simonite
Die Netzbetreiber hoffen auf Videotelefonie als Anwendung Nr. 1 in künftigen Mobilmarkt. Dafür müssten die verschiedenen Dienste aber auch untereinander erreichbar sein.
Die Videotelefonie ist seit jeher ein Liebling aller Futurologen gewesen, die in keinem Zukunftsentwurf fehlte. Auch in Sciencefiction-Klassikern wie „2001“ oder „Blade Runner“ schauen sich die Protagonisten in die Augen, während sie telefonieren. Die Verbraucher hingegen haben der Technik bisher die kalte Schulter gezeigt. Mit dem Boom der Smartphones und Tabletcomputer hofft die IT-Industrie nun auf einen späten Durchbruch: Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas warben diverse Hersteller mit der Aussicht, sein Gegenüber beim Telefonieren endlich auch sehen zu können.
Die technischen Voraussetzungen dafür nehmen allmählich Gestalt an: Die mobilen Netzwerke der vierten Generation (4G), die derzeit installiert werden, haben alle die nötige Bandbreite, um hochwertige Videostreams zu übertragen. „Wir hören von vielen Netzbetreibern, dass sie die Videotelefonie als die Anwendung Nr. 1 für 4G betrachten“, sagt Jonathan Christensen von Skype, das unter anderem die populäre gleichnamige Internet-Telefon- und Chatanwendung vertreibt. Zuverlässigkeit und Übertragungsgeschwindigkeit der neuen 4G-Netze ermöglichten ein Videoerlebnis, das dem auf PCs in nichts mehr nachstehe.
Als Sprint im vergangenen Jahr das erste 4G-Smartphone HTC Evo auf den Markt brachte, stellte es in seiner Werbung besonders die Videotelefonie-Anwendung Qik heraus. Im Dezember startete Verizon sein 4G-Netz, das auf der Long Term Evolution-Technologie basiert, und präsentierte dann auf der CES eine neue Skype-App, die auf den Geräten LG Revolution und HTC Thunderbolt läuft. Beide können hochauflösende Videos von 1280x720 Pixeln (kurz: 720p) verarbeiten. Auch die neuen Tablet-Rechner Galaxy Tab und Motorola Xoom, die Verizon demnächst anbieten will, werden wohl mit Skype ausgeliefert.
Google wiederum wird in die Tablet-Version seines mobilen Betriebssystems Android seine eigene Videochat-Anwendung integrieren. Und wenn das iPhone von Apple demnächst auch von Verizon angeboten wird, dürfte das die Zahl der Nutzer seiner FaceTime-Videoanwendung deutlich vergrößern.
Doch nicht nur auf mobilen Endgeräten, auch im Wohnzimmer soll die Videotelefonie Einzug halten: Sony und Vizio kündigten auf der CES an, dass ihre nächsten Internet-fähigen Fernseher mit Skype ausgestattet werden. Auf TV-Geräten von Panasonic und Samsung ist Skype bereits installiert. Der Netzwerkausrüster Cisco, derzeit Marktführer für Videokonferenzsysteme, will ebenfalls im TV-Segment mitmischen: mit dem Dienst Cisco Videoscape, der neben Fernsehinhalten auch Videoanrufe auf den Bildschirm bringen soll. Wer Google-TV nutzt, kann mit der Set-Top-Box von Logitech beides schon jetzt haben.
„Die Videotelefonie erreicht bald die Marktreife, weil es inzwischen viele geeignete Plattformen, ob Fernseher oder mobiles Gerät, gibt“, urteilt, Eric Kintz, Vice President der Video-Abteilung von Logitech. „Im Moment planen viele Nutzer ihre Videoanrufe noch im Voraus und fassen sich dann kurz, aber das ändert sich gerade.“
Für Eric Setton, Gründer von Tango, dessen gleichnamige Videotelefonie-App sechs Millionen Nutzer hat, ist der Unterschied bereits greifbar. „Dass Anrufe vorgeplant werden, passiert dann, wenn man sich dafür vor den PC setzen muss“, sagt Setton. „Die meisten unserer Nutzer machen hingegen spontane Anrufe, und außerdem ist ein Smartphone persönlicher.“ Häufig würden Freunde angerufen, um ihnen Produkte zu zeigen, die sie gerade in einem Laden anschauen, weiß Setton.
Die Netzbetreiber würden ihre User aber über kurz oder lang kaum mit kostenlosen Videoanrufen davonkommen lassen, warnt David Hsieh von Cisco vor zu großer Euphorie. Weil der Aufbau der 4G-Netze teuer sei, erwarte er, dass Videotelefonie ein Premiumdienst werde. AT&T, das in den USA als einziger Netzbetreiber iPhones vertreibt, erlaubt seinen Kunden Anrufe mit Facetime nur über WLAN-Verbindungen. Verizon und Sprint hingegen lassen die Nutzer mittels Skype oder Qik – noch – kostenlos videofonieren.
Skype-Mann Christensen räumt aber ein, dass es bei den Netzbetreibern einen Trend zu abgestuften Preismodellen gebe. Videotelefonie wäre dann Teil von Business-Tarifen und nicht in den Grundtarifen enthalten. „Wir arbeiten mit den Netzbetreibern aber daran, dass das nicht zum Hindernis für die Nutzer wird.“
Das größte Hindernis ist aber ein ganz anderes, und es ist bereits höchst real: Nutzer unterschiedlicher Videotelefonie-Dienste können sich nicht anrufen. Wer etwa mit FaceTime chattet, kann niemanden erreichen, der Skype oder Google Video nutzt.
Für Hsieh läuft dies „Metcalfe’s Law“ zuwider: der Beobachtung, dass der Wert eines Netzwerks proportional zum Quadrat der Nutzeranzahl ist, die in ihm miteinander verbunden sind. Mit diesem „Gesetz“ versucht man häufig, Wachstum und Wertentwicklung diverser Netze – ob Telefonnetz oder Internet – zu erklären. In den geschlossenen Systemen der bisherigen Videochat-Anbieter ist es damit nicht weit her.
So wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis man beliebige Menschen per Videotelefon genauso leicht erreichen kann wie heute per Telefon. „Die Standards sind zwar da, aber sie fördern keine schnelle Innovation“, sagt Christensen. „Wir zumindest haben kürzlich das SkypeKit veröffentlicht, mit dem jeder Skype in seine eigene Software einbauen kann.“ Unter den über 500 Millionen Skype-Nutzern hätten Anrufe in andere Dienste derzeit aber keine Priorität, wie repräsentative Studien von Skype zeigten, fügt Christensen hinzu. Hinzu komme, dass der technische Aufwand hierfür nicht unerheblich sei.
Skype hat dank seines enormen Kundenstamms jedenfalls glänzende Aussichten, den künftigen Videotelefonie-Markt zu beherrschen. Vergangene Woche kaufte das in Luxemburg ansässige Unternehmen auch noch den Konkurrenten Qik, dessen System die Videodienste im 4G-Netz von Sprint abwickelt. Dass mit Skype ein neues Schwergewicht in einem Zukunftsmarkt heranwächst, belegen auch aktuelle Studien des US-Berautungsunternehmens TeleGeography: Danach wird bereits ein Viertel aller internationalen Anrufe mit Skype gemacht – und 40 Prozent davon sind Videoanrufe. (nbo)