Die Tastatur lebt
Man glaubt nicht, was sich in den Zwischenräumen von Tastaturen alles befindet. Marcel will das für sich ausnutzen, Milena droht mit dem Staubwedelmittwoch und entlarvt eine quietschende Maus.
- Marcel Magis
Es war Mittwoch. Mittwoch ist ein Tag, der gar nicht genug unterschätzt werden kann. Ich saß auf der Couch und las, Milena wirbelte mit einem Staubwedel bewaffnet in der Wohnung umher. Sie näherte sich meinem iMac. Ich wusste, was gleich kommen würde. Wir hatten alle zwei Wochen Diskussionen darüber, wie mein Arbeitsplatz aussah.
(Bild:Â Stephen Henault Lizenz CC by-sa via Flickr)
"Deine Tastatur sieht eklig aus", sagte sie.
"Ich mache gerade ein Experiment."
"Wie schmutzig eine werden kann, ohne sich in einen lebendigen Organismus zu verwandeln und davonzulaufen?"
"So ähnlich", sagte ich.
Milena schaute mich an. Ich holte Luft.
"Das ist so, ich füttere die Tastatur jeden Tag und versuche, Mikroorganismen in den Zwischenräumen zu züchten."
"Eklig."
"Schon, aber mein Ziel ist es, dass sich Texte ganz von alleine schreiben. Also nicht die Texte sich selbst, aber dass die Mikroorganismen meine Gedankenströme direkt in Geschichten umsetzen."
Milena sprach drei Tage lang kein Wort mehr mit mir. Ich beschloss, das Experiment abzubrechen und putzte die Tastatur, das Aluminum glänzte wieder und ich hatte alle sichtbaren Krümel beseitigt. Die unsichtbaren blieben und knirschten ein wenig beim Tippen, vor allem beim "x", beim "e" und beim "s". Milena hat mir nie geglaubt, dass es bloßer Zufall war, dass diese drei Buchstaben knirschten. Aber ich schwörte beim Leben unseres Katers Stevie, dass es ein Zufall war.
Für einige Tage herrschte Frieden. Bis zum nächsten Staubwedelmittwoch. Dieses Mal war die Maus dran.
"Deine Maus quietscht", sagte sie.
"Das haben Mäuse so an sich."
Sie zog den USB-Stecker ab, packte das Ding beim Kabel und lieĂź die Maus in der Luft baumeln. Unser Kater Stevie schaute interessiert zu, ich schaute ebenfalls zu, tat aber so, als interessierte es mich nicht und als ginge es mich auch gar nichts an. Das hatte ich von Stevie gelernt. KrĂĽmel rieselten auf den Boden.
(Bild:Â Meddygarnet Lizenz CC by-sa via Flickr)
"Du musst etwas verändern", sagte Milena.
"Was?"
"Dich."
Ich zuckte mit den Schultern, Stevie roch an den KrĂĽmeln auf dem Teppich und beschloss dann doch, in die KĂĽche zu schleichen und ein paar Brekkies zu knacken.
"Ich wollte sowieso eine Magic Mouse kaufen. Die hat keine Zwischenräume."
"Du könntest auch einfach aufhören, am Schreibtisch zu essen."
"WeiĂźt du, wie sich die Intelligenz entwickelt hat?"
Ich sah, wie Milenas Gesicht sich verfärbte. Als züngelten Flammen aus ihrem Hals und erleuchteten ihre Haut von innen. Ich räusperte.
"Wir wären heute nicht da, wenn wir nicht faul wären."
"Quatsch."
"Das ist so. Manche Menschen tun einfach, was sie tun und immer schon getan haben, und das den lieben langen Tag. Man muss sich aber einfach hinsetzen und gar nichts tun und dann bekommt man eine Idee, wie man nicht tun muss, was man eigentlich tun müsste. Newton hat die Gravitation entdeckt, als er unter einem Apfelbaum döste und der Apfel halbweit vom Stamm fiel."
Die Maus verfehlte knapp mein linkes Ohr. Philosophen haben sich in der Weltgeschichte noch nie gegen Krieger durchsetzen können. Seit diesem Tag gab es eine kleine Änderung in unserem Haushalt und ich übernahm das Staubwedeln. Ich habe den Mittwoch umbenannt. Er heißt jetzt nur noch "MSWT: Mein Staubwedeltag". (se)