Energieeffizientes Bauen

Ob Büroturm, Fabrikhalle oder Wohnhaus – Gebäude sind wahre Energiefresser. Ihre Versorgung macht mehr als 40 Prozent des europäischen Energieverbrauchs aus. Fachleute arbeiten an technischen Tricks, um die Effizienz der Bauten zu steigern.

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Von
  • Bernd MĂĽller

Gewerbegebäude verbrauchen zu viel Strom und Wärme. Fachleute arbeiten deshalb an technischen Tricks, um die Effizienz der Bauten zu steigern.

Bottrop. Das klingt nach Ruhrgebiet pur, nach Kohle, Stahl und grauen Arbeitersiedlungen. Auf keinen Fall klingt Bottrop nach Innovation. Spätestens seit letztem November muss man dieses Vorurteil jedoch über Bord werfen. Seitdem prangt auf dem gelben Ortsschild ein schwungvolles Logo mit der Marke InnovationCity Ruhr. Die 117000-Einwohner-Stadt hat den gleichnamigen Wettbewerb gewonnen, mit dem die Bundesregierung die Umgestaltung der Ruhrgemeinde zur Ökostadt mit satten 2,5 Milliarden Euro fördert. Wohnungen und Gewerbegebäude auf einem 2500 Hektar großen Pilotgebiet im Süden Bottrops sollen ihren CO2-Ausstoß bis 2020 um 75 Prozent reduzieren.

Der Erfolg ist zu einem großen Teil den zukunftsweisenden Konzepten im Gewerbebau zu verdanken. So haben sich Metallverarbeitungsbetriebe, ein Fischhandel, eine Textilreinigung und weitere Firmen zu einem Null-Emissions-Gewerbepark zusammengeschlossen, die Hochschule Ruhr West plant den Neubau eines Null-Emissions-Campus, der so viel Energie aus regenerativen Quellen erzeugt, wie er verbraucht. Unterm Strich soll der CO2-Ausstoß gleich null sein. Auch die letzte Kokerei im Ort macht mit: Sie speist die Abwärme aus dem Löschen des Kokses in einen Container gefüllt mit Salzwasser, der zur nahe gelegenen Grundschule Ebel gefahren wird, wo er seine Wärme im Heizungskeller wieder entlädt.

Solche Vorzeigeprojekte sind dringend nötig. Denn global werden 40 Prozent der erzeugten Energie in Wohnhäusern, Bürotürmen oder Werkshallen verbraucht, vor allem von Heizungen, Klimaanlagen und Beleuchtung. Deutschland steht kaum besser da: Gebäude machen hierzulande etwa ein Drittel des Gesamtenergiebedarfs aus. Besonders schwer tut sich der Gewerbebau beim Energiesparen. Bauherren ächzen unter angeblich hohen Investitionskosten für Effizienzmaßnahmen. Ist doch Geld da, wird es lieber in eine schöne Glasfassade gesteckt, deren Sonnenhitze die Klimaanlage im Sommer kaum bewältigen kann.

Dabei gibt es jede Menge Konzepte, Gebäude auf eine Energiediät zu setzen, die sich schon nach wenigen Jahren auszahlt. Die einfachsten Lösungen sind hier oft die besten (siehe Interview TR 2/2011, Seite 76), beispielsweise die geschickte Nutzung von natürlicher Belüftung und Tageslicht in großen Supermarkthallen (siehe TR 2/2011, Seite 68). Eine Schlüsselrolle können auch Speicher spielen, die überschüssige Energie im Zyklus der Tages- oder Jahreszeiten puffern, etwa mithilfe von Eis oder speziellen Salzen (siehe TR 2/2011, Seite 73).

Zum Gros der Bauherren scheint sich das leider noch nicht herumgesprochen zu haben. Der Stuttgarter Baukonzern Züblin will nun jedoch mit gutem Beispiel vorangehen. Mehr als 600 Mitarbeiter arbeiten in einer Art firmeneigenem Ingenieurbüro, das Gewerbegebäude ganzheitlich nach energetischen Gesichtspunkten optimiert. Die Botschaft: Energiesparmaßnahmen sind keine Sonderausstattung, sondern gehören zum Gebäude wie Aufzüge und Toiletten. Und sie kosten wenig, wenn man sie frühzeitig einplant. Schon bei der Konzeption der Ausschreibung will Züblin daher mitreden.

Als Kooperationspartner mit an Bord ist Bayer MaterialScience, das mit seinem neuen „Eco-Commercial-Building“-Programm auch in der Baubranche Fuß fassen will, insbesondere mit Polyurethan, dem Vorzeigeprodukt der Leverkusener. Der Kunststoff ist dünner und dämmt besser als Mineralfaserplatten. Bei einfachen Fabrikhallen sind Bayers selbsttragende Metall-Polyurethan-Verbundelemente beispielsweise eine vielversprechende Alternative zu den wärmedurchlässigen Wellblechen, aus denen die Gebäude häufig zusammengesteckt sind.

Nach Schätzung von Experten amortisieren sich die sechs bis acht Prozent höheren Baukosten für ein Gebäude, das deutlich unter den Anforderungen der Energieeinsparverordnung liegt, nach 10 bis 15 Jahren. Manche Unternehmen wie Bayer oder die Allianz-Versicherung, aber auch Kommunen wie die Stadt Köln schreiben Bauprojekte inzwischen nur noch nach solchen strengen Kriterien aus. Einen Anreiz dafür bieten die zahlreichen Förderprogramme von Bund und Ländern sowie zinsgünstige Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Gleichwohl werden Produkte für den energieeffizienteren Bau immer noch wenig nachgefragt, wagen sich Energieplaner nur selten an kompliziertere Projekte wie die Optimierung großer Bürogebäude, klagt man bei Züblin. Ein Problem, das auch auf grundlegende Verständigungs- und Koordinationsschwierigkeiten zurückzuführen ist. Überall in der Industrie, vor allem im Automobilbau, wird „Simultaneous Engineering“ betrieben – also die gleichzeitige aufeinander abgestimmte Entwicklung aller Komponenten. „Bauleute dagegen ...

Die Fokus-Artikel aus Technology Review 2/2011 im Einzelnen:

  • Seite 64 - Gewerbegebäude: Aus Energieverschwendern werden Mustersparer
  • Seite 68 - Supermärkte: Mit grĂĽnen Läden polieren Aldi und Rewe ihr Umweltimage auf
  • Seite 70 - Hochhäuser: Alternde WohntĂĽrme lassen sich gĂĽnstig energieoptimieren
  • Seite 73 - Speicher: Wärmetanks können Heizung und Klimaanlage ersetzen
  • Seite 76 - Interview : Der Architekt Christoph Mäckler ĂĽber die Kunst, nachhaltig zu bauen

(kd)