"Intelligente Menschen rationalisieren besonders gut"
Michael Shermer, Direktor der amerikanischen Skeptics Society, über die Frage, warum kluge Leute manchmal seltsame Dinge glauben.
- Udo Flohr
Michael Shermer, Direktor der amerikanischen Skeptics Society, über die Frage, warum kluge Leute manchmal seltsame Dinge glauben.
Shermer ist Gründer und Herausgeber der US-Zeitschrift "Skeptic", Direktor der amerikanischen Skeptics Society und Kolumnist bei "Scientific American".
Technology Review: Dr. Shermer, warum ist ein Saal voller Nobelpreisträger das Traumpublikum für jeden Zauberkünstler?
Michael Shermer: Weil intelligente Menschen besonders gut darin sind, Auffassungen zu rationalisieren, zu denen sie auf emotionalen oder intuitiven Wegen gekommen sind. Zudem neigen Wissenschaftler dazu, Probleme überzuanalysieren. Finden sie trotzdem keine Lösung, führt das oft zu einer Argumentation ad ignorantiam, die etwa so lautet: "Wenn ich keine natür-liche Erklärung finde, dann findet niemand eine."
TR: An Magie werden die meisten wohl trotzdem nicht glauben, an verrückte Dinge aber schon, wie Sie festgestellt haben. Was verstehen Sie eigentlich darunter?
Shermer: Dabei kann es um eigenwillige Interpretationen natürlicher Phänomene gehen, etwa den Versuch, quantenmechanische Effekte auf den Alltag zu übertragen, oder um Aberglauben, übersinnliche Wahrnehmung, Götter, Dämonen, Engel.
TR: Und warum glauben intelligente Menschen an so etwas?
Shermer: Weil wir überhaupt an etwas glauben müssen; das hat einen evolutionären Ursprung. Unser Gehirn entwickelte sich so, weil es sicherer war, an Bedrohungen zu glauben, die gerade nicht zu sehen und doch real waren, zum Beispiel Raubtiere. Leider macht uns das anfällig für falsch-positive Schlüsse, also dafür, an nicht reale Dinge zu glauben.
TR: Haben Sie Beispiele?
Shermer: Rupert Sheldrake, eigentlich ein schlauer Kerl mit einem Biochemie-Doktortitel der Universität Cambridge, vertritt eine der albernsten Theorien, die ich je gehört habe: "Mor-phische Felder" sollen erklären, warum Menschen angeblich merken, dass jemand sie von hinten anstarrt oder warum Hunde wissen, wann ihr Herrchen nach Hause kommt. Der Prototyp für pseudowissenschaftliche Verirrungen bei einem klugen Menschen ist aber vielleicht der Arzt und Esoterik-Autor Deepak Chopra mit seinen Ideen über das Universum als "Quantenbewusstsein", dessen Realität wir durch unseren Einfluss als Beobachter festlegen.
TR: Spielen Alter, Geschlecht und Bildung eine Rolle?
Shermer: Ja, aber keiner dieser Faktoren hat einen substanziellen Einfluss. Mit besserer Bildung sinkt zwar die Bereitschaft, an Paranormales und Übersinnliches zu glauben, und doch hegen Scharen von Akademikern verrückte Ideen aller Art.
TR: Gibt es eine psychologische Disposition zum Aberglauben?
Shermer: Je weniger ein Mensch eine Situation subjektiv unter Kontrolle hat, desto mehr neigt er zum Aberglauben. Beim Baseball zum Beispiel verhalten sich die Feldspieler nicht besonders abergläubisch, denn sie erreichen über 90 Prozent der geschlagenen Bälle. Anders sieht es bei Schlagmännern aus: Selbst die besten versagen bei sieben von zehn Bällen. Kein Wunder also, dass sie auf dem Feld ausgefeilte aber- gläubische Rituale vollführen. Und doch handelt es sich um dieselben Athleten, die einmal als Feldspieler und einmal als Schlagmann agieren. (bsc)