Heilende Impulse
Die "tiefe Hirnstimulation" zeigt auĂźer bei Parkinson-Patienten jetzt auch bei Zwangs-, Alkohol- und Demenzerkrankungen Erfolge.
- Kristin Raabe
Die "tiefe Hirnstimulation" zeigt auĂźer bei Parkinson-Patienten jetzt auch bei Zwangs-, Alkohol- und Demenzerkrankungen Erfolge.
Die Ärzte der Universitätsklinik Köln waren sich einig: Für Reinhard Wehner (Name von der Redaktion geändert) boten die feinen Elektrodendrähte eines Hirnstimulators die letzte ungewisse Chance auf Heilung. Seit seiner Pubertät litt der 54-Jährige an einer Angsterkrankung, weshalb er kaum noch die Wohnung verließ. Außerdem hatte er wiederkehrende Depressionen und war seit über zehn Jahren schwer alkoholabhängig. Auch während mehrerer Klinikaufenthalte konnte ihm nicht geholfen werden.
Als auch die Ethikkommission der Kölner Uniklinik dem Eingriff zustimmt, bohrt Professor Volker Sturm ein etwa acht Millimeter großes Loch in den Schädel des Mannes. Durch die Öffnung führt der Neurochirurg feine Elektrodendrähte zielgenau in den vorab berechneten Gehirnbereich ein. Anschließend verlegt er Kabel unter der Haut zum sogenannten Hirnstimulator, den er zuvor unterhalb der Schulter implantiert hatte.
Ähnlich einem Herzschrittmacher wird das Gerät nun über Jahre im Körper des Patienten verbleiben und Strompulse produzieren, die über die Elektroden ins Gehirn gelangen. Die Spannung und Frequenz der Pulse kann der Therapeut von außen mithilfe eines Magneten individuell einstellen. Damit sollte bei Reinhard Wehner die Aktivität des sogenannten "Nucleus accumbens" reguliert werden. Dieser nur etwa fünf Millimeter große Haufen von spezialisierten Nervenzellen ist mitverantwortlich für emotionale Lernprozesse und liegt im Vorderhirn. Die Angststörung hielten die Kölner Ärzte für Reinhard Wehners Kernproblem, das Depressionen und Alkoholismus mit verursachte.
Bislang wurden vor allem Patienten mit Parkinson-Syndrom und anderen Bewegungsstörungen mit Hirnelektroden behandelt. Daten von Tausenden Patienten weltweit haben inzwischen gezeigt, dass in solchen Fällen die tiefe Hirnstimulation eine sehr wirksame und vergleichsweise sichere Behandlungsmethode ist. Treten Nebenwirkungen auf, verschwinden sie wieder, wenn die Elektroden abgeschaltet werden. Doch wegen des Risikos der Operation wagen Chirurgen den Eingriff ins Gehirn nur bei Parkinson-Patienten, denen kein Medikament mehr half.
Ob sich mit den Strompulsen der eingesetzten Hirnelektroden tatsächlich auch eine Angsterkrankung wie die von Reinhard Wehner bekämpfen lassen würde, war vor der OP nicht klar. Nachher wurden alle Hoffnungen zunächst enttäuscht: Egal wie viel Volt die Ärzte einstellten, die Angst des Patienten blieb. Eines aber habe sich doch gebessert, berichtete Wehner seinen Ärzten: Er trinke nun nicht mehr. Nach ein oder zwei Gläsern habe er meist genug.
Volker Sturm konnte nicht glauben, was sein Patient da erzählte. Als Arzt wusste er, dass sich im Gehirn von Alkoholkranken ein Suchtgedächtnis bildet, das auch bei trockenen Alkoholikern bestehen bleibt und sie schon nach einem einzigen Schluck Bier wieder in die Abhängigkeit treibt. Kein Medikament konnte das Suchtgedächtnis löschen. Bislang! Volker Sturms Patient Reinhard Wehner ist höchstwahrscheinlich der erste Mensch, bei dem das Suchtgedächtnis durch einen medizinischen Eingriff tatsächlich blockiert wurde. Die Elektroden im Nucleus accumbens senden ohne Unterbrechung hochfrequente Impulse und "überschreiben" so wahrscheinlich fehlgesteuerte Entladungen von Nervenzellen, die bei Alkoholkranken das Verlangen nach dem nächsten Schluck auslösen.
Obwohl die Mechanismen noch nicht restlos verstanden sind, setzte der Neurochirurg Professor Jürgen Voges an der Universitätsklinik Magdeburg insgesamt acht weiteren schwerstabhängigen Alkoholikern Elektroden in den Nucleus accumbens ein. Sieben wurden durch die Behandlung trocken. Voges warnt allerdings vor allzu hohen Erwartungen. Wie wirksam die tiefe Hirnstimulation den Alkoholismus bekämpft, müsse erst eine kontrollierte klinische Studie mit mehr Patienten zeigen.