Untersuchungsberichte zu Terror-Anschlägen: Einfache Leute, mit Internet
Zum Abschluss der Untersuchungen zu den Bombenanschlägen in London und Madrid sind zwei Berichte erstellt worden, die den Einfluss des Internet betonen.
Zum Abschluss der Untersuchungen zu den Bombenanschlägen in London (am 7.7.2005) und Madrid (am 11.3.2004) sind zwei Berichte erstellt worden, die den Einfluss des Internet betonen. In beiden Fällen konnte ein direkter Auftrag der Terrorbewegung Al-Qaida nicht nachgewiesen werden.
In dem noch geheimen Bericht des britischen Innenministeriums, aus dem der Observer zitiert, heißt es: "Die Londoner Anschläge waren eine bescheidene, einfache Angelegenheit von vier scheinbar normalen Männern, die das Internet benutzt haben." Im 1460 Seiten starken Bericht des Madrider Untersuchungsrichters Juan del Olmo ist von einer marokkanisch-spanischen Zelle die Rede, die sich von einem Internet-Text der Gruppe "Die Weisen von Al-Qaida" inspirieren ließ. Unter dem Titel "Der Irak im Dschihad – Hoffnungen und Risiken" spekulierten die Weisen, dass eine Bombe unmittelbar vor den Wahlen in Spanien dabei helfen könne, dass die im Irak stationierten Soldaten abgezogen werden. Diese Spekulation spornte die Täter von Madrid bei ihrem 192-fachen Mord an, so der Bericht. Insgesamt stehen dafür 29 Personen unter Anklage, unter ihnen der einzige noch lebende Bombenleger.
Daraus, dass beide Bombenanschläge von Internet-Inhalten angestiftet worden seien, ziehen die ersten Kommentare zu den Untersuchungsberichten ihre Schlussfolgerungen. Peter Clarke, der oberste britische Terroristenbekämpfer erklärte, dass in Zukunft der Terrorismus mit virtuellen Einsatzgruppen operieren werde. "Es ist durchaus möglich, dass sich die Terroristen via Internet kennen und sich erst zur Tat sehen. Ich sehe keine Möglichkeit, dies zu stoppen." Der europäische Antitterror-Koordinator Gijs de Vries kommentierte: "Es ist eindeutig, dass das Internet eine immer wichtigere Rolle bei der Radikalisierung und Rekrutierung von Terroristen spielt und obendrein die Planung der Anschläge erleichtert." De Vries äußerte sich am Rande einer EU-Tagung, die darüber berät, ob Formulierungen wie islamistischer Terror aus dem offiziellen EU-Vokabular gestrichen werden sollten
Zuvor hatte sich in Deutschland der Forscher Daniel Dettling zu Wort gemeldet und eine schärfere Beobachtung des Internet gefordert, damit sich das "terroristische Mem" nicht über das Netz verbreiten kann.
Siehe dazu in Telepolis:
(Detlef Borchers) / (anw)