LED-Birnen sind pflückreif

Die Reifung neuer Beleuchtungstechnik vollzieht in Japan in atemberaubenden Tempo. Nun kommt die erste LED-Birne auf den Markt, deren Lichtwinkel fast so groß wie der von Glühbirnen ist.

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Von
  • Martin Kölling

Die Reifung neuer Beleuchtungstechnik vollzieht in Japan in atemberaubenden Tempo. Nun kommt die erste LED-Birne auf den Markt, deren Lichtwinkel fast so groß wie der von Glühbirnen ist.

Das Tempo, mit dem neue Techniken in Asien ausentwickelt werden, überrascht mich immer wieder. Zum Beispiel LED-Lampen: Deren Fortschritte rauben selbst Fachleuten den Atem. "Ich bin selbst von dem Entwicklungstempo überrascht", sagte mir am Mittwoch Yoshio Ito, der Chef von Panasonics Beleuchtungssparte, nach der Vorstellung von Panasonics neuesten Innovationen.

Als Sharp im Jahr 2009 die ersten LED-Birnen für den Hausgebrauch auf den Markt brachte, ließ sich ihr Potenzial schon erahnen, allerdings waren ihre Anwendungen noch beschränkt, weil sie vor allem nach unten leuchteten. Nur 18 Monate später gibt es wirklich keinen Grund mehr, der guten alten Glühbirne auch nur eine Träne nachzuweinen: Panasonics neue LED-Birne erreicht einen Lichtwinkel von 300 Grad und schafft damit auch den letzten großen Nachteil der Technik aus der Welt, die geringe Ausleuchtung nämlich.

In der Tat ist der Unterschied zwischen alten Glühbirnen und der neuen LED kaum noch auszumachen. Erreicht wird dies durch mehrere Innovationen. Bisher hat Panasonic wie viele seiner japanischen Konkurrenten eine flächige, quadratische LED eingesetzt, unter der die Schaltkreise lagen. Dadurch wurde nicht nur der Lichtwinkel beschränkt, auch die Elektronik litt unter der Hitzentwicklung. Bei der neuen Lampe wandern die Schaltkreise wie ein Turm in die Mitte der Lampe und die große LED wird durch etwa zwei Dutzend kleine ersetzt, die im Kreis um den "Schaltkreisbunker" angeordnet sind. Durch ein ausgeklügeltes Spiegelsystem wird das Licht der Dioden nun so herumgelenkt, dass erstens ein großer Lichtwinkel ausgeleuchtet wird und die Elektronik in der Mitte der Lampe keinen Schatten wirft.

Und das ist nur eine LED-Variante. Inzwischen decken die Hersteller fast die gesamte Lampenbandbreite ab. In Japan beliebte Knopflampen für die Nachtbeleuchtung traditionellen Deckenleuchten gibt es genauso wie Halbleiterleuchtkörper für alte Kristallleuchter. Auf der Messe Lighting Japan vorige Woche stellte ein chinesischer Hersteller extra entwickelte LED-Kerzen vor. Der Clou sind in Japan allerdings neue Deckenstrahler für den Hausgebrauch. Sharp preschte 2010 mit einer nur 4,8 Zentimeter flachen Ufo-förmigen Leuchte vor, die sich nicht per Fernbedienung in der Helligkeit, sondern auch im Farbton variieren lässt. Panasonic legte nun ein in Edelstahl eingefasstes Leuchtquadrat nach, dass das alles auch kann und zudem auf Knopfdruck nur indirektes Licht spendet.

Bei diesem Entwicklungstempo wundert es nicht, dass in Japan nach Industrieschätzungen 2010 bereits 5 Prozent der verkauften Lampen und damit wahrscheinlich mehr als die Hälfte des Umsatzes im Lampengeschäft mit Endkunden auf LED-Lampen entfallen. Und wir sind gerade erst im Jahr zwei der Entwicklung. Panasonic allein hat 2010 rund 11 Millionen LED-Lampen verkauft, eine Steigerung von 270 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bis 2012 sollen 30 Prozent des erhofften Lampenumsatzes von fast einer Milliarde Euro mit LEDs erwirtschaftet werden. Ein Besuch auf Panasonic Pressekonferenz lässt dieses Ziel noch als konservativ erscheinen. Das Interesse der Öffentlichkeit ist riesig: 400 Journalisten verfolgten die aufwendige Präsentation in einer der edelsten Lagen Tokios an der Nihon-Brücke, von der in Japan seit Jahrhunderten alle Längenangaben zur Hauptstadt berechnet werden. Die Industrie hat sich sogar bereits darauf geeinigt, die Lichtstärke der Lampen von nun an konsequent in Lumen anzugeben anstatt in Watt.

Nun wollen die Japaner auch Osram und Philips angreifen. Toshiba ist bereits in Europa, den USA und China aktiv, Sharp verkauft LED-Systeme in den USA an Unternehmen. Und Panasonic nimmt sich Europa vor: Deutschland ist im Fokus, sagte Panasonics Lampenchef Ito. Dieses Jahr soll das Testmarketing beginnen. Ein
genauer Verkaufstermin ist zwar noch nicht spruchreif, aber das kann sich schnell ändern. Denn Ito sagte, dass der Konzern seine Entscheidungsprozesse angesichts der harten Konkurrenz beschleunigen muss.

Nicht zu unrecht treibt Panasonic die Angst um, trotz Hightech den LED-Boom in Europa zu verpassen. Denn die Japaner drohen im harten Wettbewerb ihren technischen Vorsprung rasch zu verlieren. Zum einen schlafen die traditionellen Rivalen Osram, Philips und GE nicht. Zum anderen drängen Heerscharen von südkoreanischen und chinesischen Herstellern auf den Markt. „Allein in Südkorea gibt es 600 LED-Lampenhersteller, in China sind es über 5000“, sagte Chris Kim, Geschäftsführer der LED-Sparte des südkoreanischen Herstellers von Funkchips KMV.

Und die Messestände der agilen asiatischen Emporkömmlinge zeigten, dass sie versuchen, den Ruf als Billighersteller abzulegen. Ein chinesischer Hersteller gibt offiziell zwei Jahre Garantie auf seine Leuchten und hat westliche Designer angestellt, um auch technisch und modisch auf der Höhe der Zeit zu sein. Wie lange sich die etablierten Lampengiganten gegen die Angriffe der LED-Ameisen behaupten können, dürfte interessant werden. Panasonic setzt dabei vor allem auf die Bereiche Hitze- und Lichtverteilung sowie Sicherheit. Glühlampen zum Beispiel brennen bei einem Blitzschlag einfach durch, LEDs könnten schon mal zu brennen oder schmoren beginnen, so Panasonics Ingenieure. Panasonic nimmt für sich in Anspruch, die Schaltkreise so konstruiert zu haben, dass das nicht passiert.

Auch bei der Energieersparnis geht noch mehr. Derzeit wird die Effizienz der LED-Lampen um etwa 20 Prozent erhöht. „Drei bis vier Jahre können wir das vielleicht noch mit abnehmender Geschwindigkeit weiter treiben, aber dann ist das Optimum mit den jetzigen LEDs erreicht“, sagt ein Ingenieur. Die Halbleiterhersteller arbeiten allerdings bereits an neuen Generationen. Ich bin schon gespannt, mit welchen Ideen die Lampenhersteller den Markt in Zukunft noch bereichern werden. (bsc)