Lässt es sich mixen?
Drama! Apple-Hardware zu erschieĂźen ist unmoralisch. Man tut sowas nicht. Wohin aber dann mit all den angestauten GefĂĽhlen?
- Peter Glaser
Was sind das für Menschen, die nagelneue Apple-Hardware erschießen? Ok, amerikanische Künstler. Ich finde aber, das reicht als Erklärung nicht ganz aus. Der kalifornische Computergrafikspezialist Michael Tompert und sein Kumpel, der Fotograf Paul Fairchild, haben iPhones und MacBooks wahlweise mit einer Heckler & Koch-Pistole durchlöchert oder mit dem Vorschlaghammer malträtiert, fotografiert und quadratmetergroße, hochauflösende digitale Prints davon angefertigt. Darauf verwandeln sich die vormals klaren Linien des Apple-Industriedesigns in – weiterhin erstaunlich ästhetische – Schrott- und Scherben-Ensembles.
(Bild:Â YouTube)
Das ist die erste interessante Beobachtung, die diese sonderbaren Kunstwerke zulassen: Man kann ein Apple-Produkt in StĂĽcke schieĂźen und es sieht immer noch gut aus. FĂĽr Michael Tompert ist das Ganze ein Statement "ĂĽber unsere Beziehung zu Gadget-Fetischismus, Mode, Freiheit und den Dingen, von denen wir regelrecht gefesselt sind". Das Bemerkenswerteste: Tompert hat frĂĽher bei Apple gearbeitet, im Grafikdesign-Team. Manche halten ihn nun irrtĂĽmlich fĂĽr einen Apple-Hasser, aber er selbst sieht sich als Fan der ersten Stunde. Das Projekt sei eine Anmerkung zu unserer Konsumkultur.
Als künstlerischer Anspruch ist das, naja, ein wenig platt. Trotzdem treibt die Provokation einem als gewöhnlichen Apple-Menschen einen Dorn ins Auge. Was ist da so Besonderes dran, wo doch Gewalt gegen Computer längst ein alter Hut ist? Bereits im März 2003 hatte die BBC berichtet, dass George Doughty, der Betreiber einer Bar in Lafayette im US-Bundesstaat Colorado, verhaftet worden war, nachdem er seinen Laptop erschossen hatte. Gäste bezeugten, dass Doughty das Gerät, nachdem es zum x-ten Mal abgestürzt war, mit vier Gewehrschüssen erlegt hatte. Auch wenn keine Marke genannt wird, geht aus den Umständen nahezu zweifelsfrei hervor, dass es sich bei dem erjagten Rechner um keinen Mac gehandelt hat.
(Bild:Â YouTube)
Hardware in speziellen Ritualen absichtlich kaputtzumachen, hat inzwischen Tradition. Berüchtigt sind die "Will it blend?"-Videos, in denen in einem Mixer nicht zuletzt Apple-Hardware granuliert wird, wobei sich der Mixer durch diesen etwas plumpen, aber sehenswerten Trick zu einem Dschinghis Khan des Kleingerätetums aufzuschwingen versucht und zu verstehen gibt, dass er sie alle alle macht.
Viele Nutzer können ihren Ärger mit digitaler Technik durch einen solchen Akt symbolisch einem Gefühlsblitzableiter zuführen. Sämtlichen modernen Geräten – von der japanischen Supertoilette, mit der man wahrscheinlich bis zum Mond fliegen könnte, wenn man die daran angebrachte Konsole richtig zu programmieren imstande wäre, bis hin zu Smartphone und Rechner – fehlt eine Stelle, an der man (bei größeren Apparaturen) reintreten oder (bei filigranerer Ware) dagegenhauen kann, wenn sich aus verschiedenen, der Maschine zuzuschreibenden Gründen wieder mal Frust angestaut hat.
Und dann gibt es noch das, was Materialwissenschaftler "zerstörende Werkstoffprüfung" nennen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um die ins Erwachsenensein geschmuggelte Kinderfreude am Kaputtmachen, also um kreatives Schaffen – einen wünschenswerten Wesenszug, den das Apple-Marketing nicht müde wird hervorzuheben. Vom Kleinkind bis zum ausgewachsenen Apple-Adoranten entwickelt der Mensch sich in mehreren Phasen. Während Kinder gern ihre eigenen Bauklötzchenkonstruktionen kaputtmachen, haben Heranwachsende bereits einen Teil jenes Wegs zum Kulturwesen hinter sich gebracht, den man Erziehung nennt und gelernt, die Bauklötzchen der anderen umzuschmeißen. Daneben wird der junge Mensch durch GIFF (Games, Internet, Film & Fernsehen) weiter sozialisiert und mit einem gesunden Grundbedürfnis nach zu Schrott gefahrenen Polizeiautos oder in Feuer und Rauch versinkenden Weltherrscherzentralen ausgestattet, wie es uns etwa durch die lehrreichen James-Bond-Filme vermittelt wird.
Apple-Hardware in einem Mixer zermarmeln ist wie Essen wegwerfen. Es ist unmoralisch. Man tut sowas nicht. Kein Mensch würde auch nur aufblicken von seinem Sushi, wenn ein teurer CD-Player, oder – in einer zum Großmixer umgebauten Mischmaschine – ein namenloser PC pulverisiert würde. Dass man sich bei angeschossener Apple-Hardware zutiefst mitgetroffen fühlt, liegt natürlich auch ein wenig daran, dass die Apple-Dinge von Gott etwas teurer geschaffen worden sind als andere Hardware hienieden. Aber das spielt nur am Rand eine Rolle, was den tiefen, wasserklaren Schmerz betrifft, den man bei solchen inszenierten Zerstörungen empfindet.
Ich kannte mal einen Künstler, der Skulpturen statt aus Marmorblöcken aus Legosteinblöcken geschaffen hat. Um aus vielen kleinen Klötzchen einen großen Block zu machen, wurde der Block mit einer Lötflamme angeschmort. Auch wenn ich beeindruckt war von den Skulpturen (grandios etwa eine überlebensgroße Pieta aus Lego – Maria mit dem Leichnam Jesu auf den Armen), empörte und bedrückte mich als alten Freund des Lego-Gesteins doch der zerstörerische Umgang mit dem Material. So ist es auch mit Sachen von Apple. Resümee: Schlechte Kunst ist, zu tun, was man nicht tut. ()