Bei Anruf Touch-down
Das Start-up RUWT?! berechnet, welche Sportereignisse wirklich Drama und Klasse versprechen – und empfiehlt Nutzern, wann sie den Fernseher einschalten sollten.
- Erica Naone
Das Start-up RUWT?! berechnet, welche Sportereignisse wirklich Drama und Klasse versprechen – und empfiehlt Nutzern, wann sie den Fernseher einschalten sollten.
Wenn in Kürze der 45. Superbowl zwischen den Green Bay Packers und den Pittsburgh Steelers steigt, werden Sportfreunde in aller Welt gebannt vor dem Fernseher sitzen. Dass das prestigeträchtigste Spiel im American Football auch das spannendste des Jahres wird, ist allerdings nicht gesagt. Mit Hilfe von mathematischen Verfahren Partien zu finden, die wirklich Spannung versprechen – diesem Ziel hat sich das Start-up RUWT?! (sprich: „Are You Watching This?“) verschrieben.
Anlass war für Gründer Mark Phillip ein traumatisches Erlebnis im Jahre 2000. Damals noch Informatikstudent am MIT, verfolgte der gebürtige Brooklyner ein Spiel seines Vereins New York Jets gegen die Miami Dolphins. Im dritten Viertel führten die Dolphins mit 30-7. Der Ausgang des Spiels schien nur noch Formsache, Phillip schlief vor dem Fernseher ein. Am nächsten Morgen musste er feststellen, dass er eine der größten Aufholjagden in der Geschichte des Footballs verpasst hatte: das „Monday Night Miracle“. „Die Jets hatten tatsächlich noch gewonnen“, erinnert sich Phillip – mit 40-37. "Dass ich das verpasst habe, ärgert mich noch heute.“
Damit so etwas nicht mehr passiert, begann er 2006 schließlich mit der Entwicklung von RUWTbot. Die Software berechnet aus diversen Daten, welche Partie – ob Football, Eishockey, Fußball oder Basketball – wirklich sehenswert zu werden verspricht. Fans, die den Dienst abonniert haben, werden dann – per Email oder SMS – darüber informiert, wann es sich für sie lohnt, den Fernseher einzuschalten.
RUWTbot analysiert zum einen die Bildaten sämtlicher im Fernsehen ausgestrahlten Spiele auf bestimmte Muster. Zum anderen werden in die Software Sportinformationen aller Art in das System eingespeist: Ergebnisse, Statistiken, Verletzungen, Mannschaftsaufstellungen, aber auch subjektive Faktoren wie Rivalität zweier Lokalmannschaften, Spielbewertungen von Nutzern und Gerüchte aus dem Netz. Auf den Algorithmus hat Phillip ein Patent angemeldet.
120.000 Partien hat RUWT?! bislang bewertet. Der Verlauf eines Spiels wird immer wieder in das System zurückgefüttert, um den Algorithmus zu trainieren. Die Empfehlungen von RUWT?! lassen sich je nach Lieblingsteam und –sportart personalisieren. Nutzer können sogar Kriterien festlegen, so dass der Dienst sie nur benachrichtigt, wenn etwa „epische“ Partien anstehen.
„Das Spannende an der Sache ist, mit Hilfe der Mathematik etwas zu quantifizieren, das so viel mit Leidenschaft zu tun hat“, sagt Phillip, der das MIT ohne Abschluss, aber mit Knowhow aus der KI-Forschung verließ. Die Ergebnisse sind manchmal überraschend. Als aufregendste Football-Teams in der letzten NFL-Saison entpuppten sich nach den Bewertungen von RUWT?! nicht die Steelers und die Packers, wie man hätte vermuten können – sondern die Washington Redskins. Sie legten einige Spiele mit dramatischen Verläufen hin – so dramatisch, dass sie "Magengeschwüre verursachen können“, wie Philipp meint.
„Für mich hat das als Fan und als Forscher Potenzial“, sagt John Fortunato, Medienforscher an der Fordham University. Die Sportsender würden zwar schon eine Menge tun, um Fans bei der Stange zu halten. Eine Anwendung wie RUWT?! sei aber gerade interessant, auf Spiele aufmerksam zu werden, die auf den ersten Blick keine Aufreger sind. „Angenommen, ich mache gerade etwas anderes und bekomme eine SMS, dass ein Spiel auf Messers Schneide steht, zehn Minuten vor Schluss. Dann könnte ich mir schon vorstellen, den Fernseher einzuschalten“, sagt Fortunato.
Die RUWT?!-App ist bislang kostenlos. Phillip setzt auf Werbung, weil sich so Kunden erreichen lassen, die eigentlich gar nicht vor dem Fernseher sitzen würden, sowie auf Lizenzverträge. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Software in digitale Videorekorder einzubauen. „Sport ist das TV-Genre, für das Videorekorder bislang am wenigsten geeignet sind“, sagt Phillip. Verzögerungen oder Verlängerungen machten es, je nach Sportart, schwierig, ein Spiel vernünftig aufzunehmen. RUWT? könnte nicht nur dieses Problem lösen, sondern vielleicht sogar helfen, nur besondere Spielszenen nach den Vorlieben des Users aufzunehmen.
Seinen ersten Deal hat Phillip geschafft: RUWT?! ist Bestandteil des neuen Google TV, das Webstreams, Digital- und Pay-TV in einer Benutzeroberfläche bündelt und durchsuchbar macht. Tatsächlich war RUWT?! die erste externe App nach den offiziellen Produktpartnern, die von Google zugelassen wurde.
(nbo)