Darmstadts Pech mit T-Online: Großer Umzug - kleine Steuern
Darmstadt feiert die Rückkehr des verlorenen Sohnes T-Online: Vom 1. Dezember an beziehen rund 1100 Mitarbeiter ihre neuen Büros im Westteil der Stadt, der im Volksmund bereits "Telekom-City" heißt.
Darmstadt feiert die Rückkehr des verlorenen Sohnes T-Online: Vom 1. Dezember an beziehen rund 1100 Mitarbeiter ihre neuen Büros im Westteil der Stadt, der im Volksmund bereits "Telekom-City" heißt. Doch die Freude ist getrübt, seit Telekom angekündigt hat, T-Online wieder einzugliedern. Damit würde ein Großteil der von Darmstadt erhofften Gewerbesteuereinnahmen in Richtung Bonn abfließen -- Schätzungen sprechen von mehr als 30 Millionen Euro.
"Das wäre ein warmer Regen für uns gewesen", sagt Stadtkämmerer Wolfgang Glenz (SPD) wehmütig, der im Doppelhaushalt 2005/06 ein Defizit von 180 Millionen Euro ausgewiesen hat. So bleibt ihm nur der Trost von 1100 neuen Arbeitsplätzen. Außerdem kann er sich freuen, dass Darmstadt jetzt mit 6500 Mitarbeitern der Telekom und deren Töchtern T-System, T-Com und T-Mobile die größte Forschungsstelle und der zweitgrößte Standort des Konzerns nach Bonn ist. Das schlägt sich zumindest in Anteilen bei der Gewerbesteuer nieder. "Aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was wir erhofft hatten", ergänzt Glenz.
Die Geschichte ist für Darmstadt höchst unglücklich verlaufen, steht hier doch die Wiege von T-Online: Im September 1996 wurde das Unternehmen als Online Pro Dienste gegründet. Die Geschäfte florierten, und das Büro-Gebäude platzte bald aus allen Nähten. Da Darmstadt auf die Schnelle kein Ausweichquartier bieten konnte, zog T-Online 1999 ins benachbarte Weiterstadt. Nur als Übergangslösung, hieß es. Als Zeichen der Verbundenheit wurde die Postanschrift in Darmstadt beibehalten.
Doch das Provisorium erwies sich als beständig. "Plötzlich gab es außerdem einen harten Wettbewerb um den künftigen Standort", sagt Michael Kolmer von der Darmstädter Wirtschaftsförderung. Hamburg, München und Berlin buhlten um das Unternehmen. Doch Darmstadt konnte sie ausstechen. In Rekordzeit von nur drei Monaten wurde 2003 die Baugenehmigung für die sechs Bürogebäude erteilt. Der Komplex mit 60.000 Quadratmetern Grundfläche kostete rund 190 Millionen Euro. Als Zugabe taufte die Stadt die Straße durch die City auf den Namen T- Online-Allee.
In seiner Vorfreude hatte der Kämmerer Kritiker seines Haushaltes bereits mit dem Hinweis auf den kommenden Geldsegen beruhigt. Er verwies auf Weiterstadt, das allein in diesem Jahr mit rund 52 Millionen Euro Gewerbesteuern rechnet, schätzungsweise zwei Drittel davon stammen von T-Online. Doch dieser Traum scheint nun zu Ende. Fast zeitgleich mit dem Umzug, am 1. Januar 2005, soll T-Online wieder zur Telekom gehören.
Das Bonner Unternehmen hat Darmstadt bisher nur wenig Glück gebracht. So hatte die Telekom ihrem großen Standort zwischen 1996 bis 2000 die Kasse mit vielen Millionen Euro Gewerbesteuern gefüllt. Dagegen klagten jedoch kleine Gemeinden, die für ihre Telekom- Filialen ebenfalls ein Stück vom Kuchen abhaben wollten. Sie gewannen den Prozess, und Darmstadt musste 60 Millionen Euro zurückzahlen. Die letzte Rate wurde im vergangenen Jahr beglichen.
Allerdings bleibt Glenz ein kleiner Hoffnungsschimmer: T-Online will sich offensichtlich nicht so einfach von der Mutter schlucken lassen. So deutete Vorstandschef Rainer Beaujean kürzlich an, das Verhandlungsergebnis sei aus seiner Sicht noch offen: "Ob und wie es letztlich zu einer Verschmelzung kommt, wird die Abarbeitung weiterer wichtiger Schritte ergeben."
Für Wirtschaftsförderer Kolmer ist T-Online weit mehr als ein möglicher Gewerbesteuerzahler. Er will den Marktführer als Magnet nutzen, der andere Firmen ins Technologiezentrum RheinMain -- so der offizielle Name der "Telekom-City" -- ziehen soll. Bis 2012 will die Wirtschaftsförderung hier mindestens 9500 Arbeitsplätze vorweisen. Und die neuen Unternehmen sollen dann auch Gewerbesteuer zahlen. (dpa) / (tol)