Die Rufnummern-Nomaden sind auf dem Vormarsch
Telefon-Carrier und Voice-over-IP-Anbieter stritten gestern bei der RegTP heftig über die geplanten neuen Zuteilungsregeln für Ortsrufnummern.
Klassische Telefon-Carrier und neue Voice-over-IP-Anbieter haben gestern auf Einladung der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) heftig über die geplanten neuen Zuteilungsregeln für Ortsrufnummern gestritten. Die Regulierungsbehörde will die Zuteilungsregeln so verändern, dass auch VoIP-Anbieter Ortsrufnummern vergeben können. Vertreter der Deutschen Telekom AG und Arcor kritisierten beim Fachgespräch in Bonn, für VoIP werde der Weg ins Netz nicht nur "platt gewalzt, sondern sogar noch poliert".
Die RegTP will laut einem Eckpunktepapier vom November künftig auch Rufnummern an reine Diensteanbieter ohne eigenes Netz vergeben und zu diesem Zweck mittelfristig kleinere Blöcke anbieten. Eine Vergabe in Tausender-Blöcken würde einem deutschlandweit tätigen VoIP-Provider 2,5 Millionen Euro Investitionskosten abverlangen. Außerdem soll statt dem Anschlussbezug künftig das Prinzip Ortsbezug bei der Vergabe maßgeblich sein. Nicht mehr die Dose beim Nutzer, sondern sein Wohn- oder Firmensitz gelten dann als maßgeblich bei der Vergabe -- den Ortsbezug aufheben wolle man aber auf keinen Fall. Da sind wir relativ stabil, sagte Karsten Schierloh, Leiter des Referats Grundsatzfragen der Nummerierung.
Vertreter der Deutsche Telekom AG warnten eindringlich vor der Aufgabe des Anschlussbezuges. Ohne diesen lasse sich der Ortsbezug auf Dauer nicht mehr durchsetzen. Auch wenn die VoIP-Provider noch so gewissenhaft ihre Kundendatenbanken führten, würden Kunden beim Umzug ihre Nummern doch wohl einfach mitnehmen und über kurz oder lang werde das System der Ortsrufnummern völlig zerfasern. Weil die RegTP eine gelegentliche nomadische Nutzung der Rufnummern nicht kategorisch verbieten will, seien sie bald nicht mehr von anderen Rufnummerngassen zu unterscheiden. "Wofür gibt es dann eigentlich die neuen 032-Nummern", fragte Bettina Bauer von der T-Com. "Man könnte dann eigentlich sagen, dass jede Nummer für jeden Zweck genutzt werden kann." Das bisherige System zweckgebundener Rufnummerngassen werde damit ad absurdum geführt.
Unterstützung für diese Kritik kommt auch aus der RegTP selbst: Sven Roth, Referatsleiter für die eigentliche Verwaltung der Rufnummern, sagte: "Für mich passt das gar nicht mehr zusammen. Wenn man den Anschlussbezug aufhebt, müsste man eigentlich von offenem zum geschlossenen Nummernraum übergehen." Jede einzelne Rufnummer müsste dann die Vorwahl führen. Auch innerhalb der RegTP ist offensichtlich die Debatte alles andere als abgeschlossen.
Die Vertreter von DTAG und Arcor beschwerten sich auch darüber, dass ohne Sicherstellung des Anschlussbezuges weder Notrufregelungen noch G10-Abhörmaßnahmen gewährleistet werden könnten. Eine Ausnahme für die VoIP-Anbieter müsse abgelehnt werden, sonst, so Hans Höchstetter, verantwortlich für den Regulierungsfragen bei NetCologne, wären die "alten Netzbetreiber die Dummen" und würden auf Investitionen sitzen bleiben. Schierloh versicherte, dass die VoIP-Anbieter alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen müssten, sonst könnten sie einen geplanten Dienst nicht anbieten. Insofern, so ein Vertreter der DTAG, führe die geplante Regelung der RegTP in eine "ganz dumme Ehrenrunde".
Angesichts der Kritik der Carrier warnte Rechtsanwalt Richard Leitermann vor einer typisch deutschen "Besitzstand wahrenden Diskussion". Es sei die Aufgabe der Regulierungsbehörde, auch mal für neue Dienste den Weg frei zu machen, so Leitermann. "Vielleicht gibt es dann beim Notruf ein Problem", sagte er, doch das entstehe ohnehin, wenn sich Dienste wie Skype weiter ausbreiten. "Dass der Kunde, der den Röchelanruf macht, direkt neben der Dose liegt, ist auch relativ unwahrscheinlich", sagte Tim Mois von Indigo Networks. Auch beim Anruf vom Dect-Telefon könnte sich die Suche nach einem Verunglückten schwierig gestalten. Mois verwahrte sich wie auch Vertreter von Freenet und AOL gegen den Vorwurf, VoIP-Ortsrufnummern ohne Anschlussbezug bedeuteten zwingend die Aufgabe des geografischen Prinzips. Die VoIP-Anbieter befürchten ihrerseits, dass die Telekom und andere Carrier ihnen durch teurere Zusammenschaltungspreise bei 032-Nummern und höhere Kosten fürs Routing kleinerer Ortsrufnummernblöcke möglicherweise noch weitere Hindernisse in den Weg legen. Die Umstellung auf kleinere Blöcke erfordere eine Reihe technischer sowie Software-Anpassungen, so Schierloh, daher sei sie erst mittelfristig zu realisieren. DTAG-Vertreter sprachen von mindestens einem halben Jahr Umstellungszeit für die Nummerverwaltung und möglicherweise mehr Zeit für die Netztechnik.
Auch aus Sicht zum Fachgespräch angereister Nutzer ist das Beharren auf alten Strukturen -- ja sogar auf dem strengen geografischen Bezug der Ortsrufnummern -- ein Hindernis für deutschlandweite Dienste. Vertreter des Unternehmens Haus- und Büroservice beklagten bitter die Abschaltung nicht-ortsgebunden verwandter geografischer Rufnummern im kommenden Jahr, in die gerade mittelständische Unternehmen eine Menge Geld investiert hätten. "Jede Regelung, die heute noch einen Anschlussbezug reinnimmt, ist morgen schon veraltet", sagte Helmut Kohl, Vizepräsident des Nutzerverbandes Telecom e.V. Schon in ein oder zwei Jahren könnten Nutzer bei der Einwahl unter mehreren WLAN-Verbindungen wählen, statt sich aus der klassischen Anschlussdose zu bedienen. Die Nomaden sind auf dem Vormarsch. (Monika Ermert) / (pmz)