Angriff mit der Pop-Kanone

Wikileaks zeigt: Wissen ist Macht - auch wenn manche den Anschein erwecken möchten, dass es um Mätzchen geht.

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Von
  • Peter Glaser

Wikileaks zeigt: Wissen ist Macht – auch wenn manche den Anschein erwecken möchten, dass es um Mätzchen geht.

Mitte Februar 2011. Google zeigt für den Suchbegriff Wikileaks 91.900.000 Treffer an. Wikileaks ist Teil der Popkultur geworden: In Pakistan und Beirut tauchen Reklameplakate für Damenbinden auf, die, "im Gegensatz zu Wikileaks", dicht halten. Es gibt Wikileaks-Schmuck, eine Comic-Version der Depeschen, ein Videospiel namens "Leaky World" und eine Software namens "HaïkuLeaks" ("Cable is poetry"), mit der sich Diplomatenpost in Haikus verwandeln lässt.

Im raschen Takt erscheinen Bücher zum Thema – Reader, biografische Zugänge oder sehr unterschiedliche Interpretationen dessen, was man Insider-Information nennt. Derzeit wird mehr über das geschrieben und debattiert, was aus der persönlichen Sphäre derer zu erfahren ist, die öffentlich mit Wikileaks in Verbindung gebracht werden, als über das, was die Materialmassen der War Diaries und Diplomatendepeschen per Informationsdestillation hergeben. Auch Wikileaks wird geleakt, mancher merkt das nicht ohne ein bisschen Häme an. Aber die Umwandlung der Abgründe, die hinter den gelüfteten Schleiern der Geheimhaltung sichtbar werden, in boulevardeske Affären einzelner Personen wird auf lange Sicht nicht gelingen.

Natürlich ist es legitim, die moralischen, ethischen und politischen Implikationen des Phänomens Wikileaks zu diskutieren, wie es derzeit in den Feuilletons geschieht – aber es ist auch müßig. Politiker, Militärs, Banken, Interessengruppen, sie alle werden sich daran gewöhnen müssen, dass Information nun auf eine neue Art frei durch das Netz flottiert. Geheimes Wissen dient zu oft auch dem Erhalt undemokratischer Macht.

In altägyptischen Tempeln waren an Säulen Juwelen angebracht, die zu bestimmten Zeiten, die den astronomisch versierten Priestern bekannt waren, durch den Lichteinfall heller Sterne aufleuchteten und als Zeichen der Götter ausgegeben wurden. Das war ein probates Mittel, die Massen und bisweilen sogar den Pharao fromm, oder wenn man so will: dumm zu halten.

Leaking weist einen Weg aus dieser misslichen Lage, einen von vielen. Wikileaks ist die erste transnationale Nachrichtenagentur der Welt. Die Zeit der national ausgerichteten Medienöffentlichkeiten geht mit dem Internet zu Ende. So viel steht fest: Wikileaks gibt uns eine Vorstellung davon, wie eine Welt ohne Grenzen aussehen kann – und eine Antwort auf die Frage, was wichtiger ist, die Wahrheit oder die Nation. (bsc)