"Sehr zu meinem Leidwesen..."

Bekannt als Eigenbrötler, akzeptierte er Anfang des 20. Jahrhunderts nur widerwillig die Rolle des Popstars der Physik. Ein historisches Gespräch mit dem Entdecker der X-Strahlen Wilhelm Röntgen.

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Von
  • Gordon Bolduan

Bekannt als Eigenbrötler, akzeptierte er Anfang des 20. Jahrhunderts nur widerwillig die Rolle des Popstars der Physik. Ein historisches Gespräch mit dem Entdecker der X-Strahlen Wilhelm Röntgen.

TR: Herr Professor, es ist mir eine Ehre, von Ihnen in Ihrem Institut an der Münchner Universität empfangen zu werden.

Röntgen: Nicht der Rede wert

Doch, doch, Ihr gespanntes Verhältnis zur Presse ist ja allgemein bekannt. Meine Journalistenkollegen, so Ihr Vorwurf, hätten Ihre bahnbrechende Entdeckung zur Zirkussensation trivialisiert. Allerdings waren es diese populären Berichte, die Sie in ganz Europa und Amerika berühmt gemacht haben. Alle Welt verehrt Sie.

Sehr zu meinem Leidwesen. Sie ahnen ja nicht, zu welcher Bürde mir meine Bekanntheit geworden ist. Aber Sie haben ja nun die Chance, mich mit Ihrem Metier zu versöhnen.

Wir werden sehen. Herzlichen Glückwunsch jedenfalls nachträglich zum Nobelpreis. Sie waren der erste Physiker, dem diese bedeutende Ehre je zuteil wurde.

Da sehen Sie, wie Wissenschaftler meine Entdeckung zu wĂĽrdigen wissen.

Schon recht. Auch die vorangegangenen drei Dutzend Auszeichnungen sind nicht ohne. Als Besucher aus dem 21. Jahrhundert kann ich Ihnen berichten, dass der Einsatz der von Ihnen entdeckten X-Strahlen die Medizin, die Materialphysik und sogar die Astronomie revolutioniert hat.

Das sind gute Nachrichten aus der Zukunft. Da wird sich doch im Nachhinein beweisen, wie sehr ich den Nobelpreis verdient habe.

Zweifellos. Aber gedankt haben Sie es dem Nobelpreiskomitee wahrlich nicht. Bis heute – drei Jahre nach der Verleihung – sind Sie als Einziger der Verpflichtung aller Preisträger, einen Vortrag über ihre preisgekrönte Arbeit zu halten, nicht nachgekommen. Warum denn nicht?

Es wollte sich einfach nicht ergeben. Die widrigen Umstände – es war kompliziert, verstehen Sie?

Etwas mehr Aufklärung wäre schon gut. Es geht das Gerücht, Sie hätten bei einem Vortrag nicht viel zu sagen, weil Sie die Entdeckung mehr oder weniger zufällig gemacht haben...

...und die eigentliche systematische Vorarbeit vom Kollegen Philipp Lenard durch die Entdeckung der Kathodenstrahlen geleistet wurde, das wollten Sie doch sagen, oder?... ()