ZurĂĽck in die Zukunft
Beim Tablet Computer gelang es Apple noch, eine totgeglaubte Gerätekategorie wiederzubeleben und mit dem iPad die Standards zu setzen. Beim Thema NFC, dem Bezahlen per Smartphone, werden Tim Cook und seine Mannschaft keinen Vorsprung haben. Apple muss sich ranhalten.
- Christoph Dernbach
Als Präsentator und Redner konnte Microsoft-Mitbegründer Bill Gates nie mit seinem Widersacher bei Apple, Steve Jobs, mithalten. Zu den großen Auftritten und wichtigen Produkt-Präsentationen bei Microsoft holte sich der nur mäßig begabte Rhetoriker Gates auch fast immer berühmte Fernsehstars oder andere Prominente als "Sidekicks" an seine Seite. So musste bei der Vorstellung von Windows 95 im August 1995 der US-Showmaster Jay Leno mit seinen witzigen Einlagen den drögen Vortrag des Konzernchefs auflockern. Vor über 16 Jahren, genauer gesagt am 14. November 1994, trat der Microsoft-CEO zur Eröffnung der US-Computermesse Comdex 1994 in Las Vegas jedoch solo auf die Bühne. Er vertraute dabei auch auf die Überzeugungskraft eines Einspiel-Videos und zündete in dem Film ein Ideenfeuerwerk, das selbst in der Apple-Zentrale in Cupertino wahrgenommen wurde.
Unter dem Titel "Information At Your Fingertips (2005)" präsentierte Gates damals seine Vision, wie die Zukunft in zehn Jahren aussehen werde. Während der Keynote zeigte er einen kurzen Krimi, bei dem verschiedene technologische Entwicklungen in die Handlung eingebettet wurden. Das Video hinterließ nicht nur bei den Besuchern in Las Vegas einen nachhaltigen Eindruck. Vier Monate nach der Premiere des Films in Las Vegas saß ich mit offenem Mund bei der Eröffnung der CeBIT in Hannover, als Gates den Film für das Publikum in Europa neu auflegte.
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In dem Krimi um eine Schmuggler-Bande in Seattle (ab Minute 09:45 in der Keynote-Aufzeichnung) treten der clevere Schüler Jackson und seine Mutter per Zufall gegen die Verbrecher an. Obwohl Bill Gates damals das Internet und seine Auswirkungen noch nicht wirklich auf dem Zettel hatte, spielten futuristische Kommunikationsmittel in dem Microsoft-Film eine wichtige Rolle. Der Schüler recherchiert in dem Film für ein Referat von der heimischen Küche aus im "Cyberspace" alle Details zur präkolumbianischen Kunst und präsentiert sie später dann vor seiner Klasse auf einem Tablet Computer.
Das Comdex-Publikum kam damals gar nicht aus dem Staunen heraus. Viele der Visionen aus dem Film aus dem Jahr 1994 sind inzwischen Wirklichkeit geworden: der Tablet Computer, das individuell programmierbare Fernsehen, der einfache Zugriff auf einen unendlichen Wissensschatz in den Datennetzen. Und irgendwie sieht der Computer von Jacksons in der Küche aus wie der Schreibtischlampen-iMac (iMac G4), den Apple gute sieben Jahre später auf den Markt brachte.
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Microsoft heute dem iPad von Apple noch immer keinen brauchbaren Tablet Computer entgegensetzen kann. Gates hatte diese Vision erstmals 1990 formuliert und dann immer wieder einräumen müssen, dass die Zeit für einen "Stift-Computer" noch nicht reif sei. Inzwischen hechelt Microsoft nicht nur dem iPad, sondern auch den Android-Tablets von Motorola, HTC, Samsung und anderen Google-Partnern sowie dem TouchPad von HP hinterher.
Bei einem anderen Thema, das in dem Film mehrfach angesprochen wird, konnten aber bislang weder Apple noch Google oder Microsoft überzeugende Lösungsansätze liefern: 16 Jahre nach der Gates-Keynote wartet das "digitale Portemonnaie" immer noch auf eine einfache und breit akzeptierte Umsetzung. In dem Microsoft-Film bezahlen beispielsweise zwei Polizisten ihren unverschämt teuren Café Latte mit einem PDA-ähnlichen Gerät am Verkaufsstand von "Seattle's Best Coffee". Bill Gates war damals fest davon überzeugt, dass im Jahr 2005 die drahtlose und berührungsfreie Übertragung von Geldbeträgen von einem Gerät zu einem anderen im Alltag der Menschen ganz selbstverständlich sein werde. Doch das "mobile payment" wartet noch heute auf seinen Durchbruch. Die Idee aus dem Microsoft-Film, ein separates Gerät als digitale Geldbörse zu verwenden, spielt ohnehin keine Rolle mehr. Das Smartphone oder auch das einfache Handy sollen diese Funktion übernehmen.
In Südkorea und Japan gibt es zwar Geschäftsmeilen, wo Kunden tatsächlich in vielen Shops mit ihren Handys von Samsung und anderen asiatischen Herstellern einkaufen können. Allerdings konkurrieren hier mehrere inkompatible Systeme miteinander, so dass die Händler bis zu fünf unterschiedliche Funk-Kassen bereitstellen müssen, um mobile Zahlungen ihrer Kunden entgegenzunehmen. In Europa und in den USA hat sich dagegen das Bezahlen per Handy trotz zahlreicher Pilotversuche noch nicht im großen Stil durchgesetzt. Vodafone, die Deutsche Telekom und O2 in Deutschland versuchen derzeit, das System mpass am Markt zu platzieren. Allerdings gibt es außer Online-Shops bislang kaum Geschäfte, in denen man mit dem Handy und einer Bezahl-PIN von mpass einkaufen kann.
Auf dem Mobile World Congress in Barcelona verdichteten sich die Hinweise, dass das kommende iPhone 5 von Apple mit einer NFC-Funktion ("Near Field Communication") ausgestattet sein wird. Die Kalifornier wären damit nicht die Ersten: Nokia brachte bereits vor vier Jahren das Mobiltelefon 6131 NFC auf den Markt, das beispielsweise bei dem Pilotprojekt Touch&Travel der Bahn für den Kauf einer Fahrkarte eingesetzt wurde. Doch auch den Finnen gelang nicht der Durchbruch. Die Bahn testet inzwischen bei Touch&Travel eine iPhone-App, die nicht auf NFC angewiesen ist, sondern sich über die GPS-Funktion des Handys und einen Barcode-Leser die notwendigen Infos für den Fahrscheinverkauf besorgt.
Ein NFC-Smartphone würde sich aber nicht nur als virtuelles Bahn- oder Konzert-Ticket eignen. Bei kleineren Besorgungen könnte es ausreichen, das Gerät einfach vor das Lesegerät zu halten ("Wave to Pay"). Bei größeren Beträgen mag eine zusätzliche Absicherung mit einer PIN erfolgen. Außerdem lassen sich via NFC einfach Informationen übertragen, etwa eine Web-Adresse für einen Browser, wenn man beispielsweise in einem Museum vor einem Bild steht und mehr über das Kunstwerk erfahren möchte.
Beim Tablet Computer gelang es Apple noch, eine totgeglaubte Gerätekategorie wiederzubeleben und mit dem iPad die Standards zu setzen. Beim Thema NFC werden Tim Cook und seine Mannschaft keinen Vorsprung haben. Schon jetzt hat Google NFC im Nexus S eingebaut und wird auch dafür sorgen, dass es NFC-Anwendungen geben wird. In Asien macht Samsung mit seinem Betriebssystem Bada Dampf. Und vielleicht bekommen auch Nokia und Microsoft ein gemeinsames NFC-Produkt auf die Reihe. Apple muss sich also ranhalten. Letztlich wird aber nicht allein der Zeitpunkt des Marktstarts entscheidend sein, sondern das gesamte "Ökosystem". Es wird derjenige die Nase vorne haben, der das überzeugendste Gesamtkonzept von Hardware, Apps und Anwendungsszenarien bietet. (se)