Händchenhalten, digital real
Zärtlichkeiten per Handy, Programmierschulungen für Dreijährige, E-Mails, die mit der eigenen Stimme vorgelesen werden - die Entwickler beim japanischen Telefonkonzern NTT denken extrem.
- Martin Kölling
Zärtlichkeiten per Handy, Programmierschulungen für Dreijährige, E-Mails, die mit der eigenen Stimme vorgelesen werden – die Entwickler beim japanischen Telefonkonzern NTT denken extrem.
Drollige Ideen, die sich allerdings oft genug als Hit erweisen, gibt es in Nippon viele. Deshalb gelten die Besuche von Japans Technikmessen für Journalisten als ein Muss. Aber auch die Unternehmenspräsentationen örtlicher Technikkonzerne sollte man nicht verpassen. Denn dort geht es ebenfalls kunterbunt und dicht gedrängt zu.
Das konnte ich am Dienstag bei der dreitägigen Hausmesse von NTT Communications mal wieder erleben. 7000 Besucher erwartet das Unternehmen, das mit dem Festnetzkonzern NTT und dem größten Mobilnetzbetreiber NTT Docomo aufs Engste verbunden ist. Neben jeder Menge technischer Neuerungen sind mir einige interessante Ideen ins Auge gesprungen. Dabei geht es vor allem um eines: Das Netz wird persönlich.
Da wäre zum einen ein Plastikherz, Taion Heart genannt. Mit dem sollen liebende Pärchen, Mama, Papa und Kleinkinder oder alte Eltern mit ihren erwachsenen Kindern über das Handy virtuell Händchenhalten können. Und so funktioniert es: Man nehme das Herz in die Hand, lasse von Sensoren dann den Herzschlag messen und die Daten per Bluetooth an das Mobiltelefon übermitteln. Von dort wandert das Signal über das Internet an das Handy der Kontaktperson. Nimmt die andere Person nun ihrerseits ihr Herz in die Hand, simuliert ein Vibrationsmotor den Herzschlag und eine Spule erzeugt sogar ein bisschen Wärme. Der digitale Ersatz für Körperkontakt debütierte bereits auf der Ceatec 2010, aber NTTs Entwickler arbeiten nun an der Verfeinerung.
Eine andere nette Idee war das Programm Viscuit, das Kids ab drei Jahren in visuellen Programmiersprachen schult. In Japan wenigstens zu Versuchszwecken bereits in Kindergärten und Grundschulen getestet, malen die Kleinen dabei ein Motiv auf den Touchscreen und ziehen es in zwei Kreise, über die je nach Anordnung der Bilder der visuelle Programmcode definiert wird. Die Demos sind sehr kreativ, denn die Programmierung scheint intuitiv zu funktionieren. Fischchen schwimmen von links nach rechts, von oben nach unten oder kunterbunt durcheinander über den Bildschirm. Grundschüler lassen Geister tanzen, kleine Männchen Grimassen schneiden oder Noten auf Notenlinien steigen und Musik machen. Ich bin mal gespannt, was aus dieser neuen Generation wird.
Ein weiterer Einfall wird mit Hilfe der Docomo Labs in München entwickelt. Es handelt sich um ein Verfahren, mit dem Mobilnetzbetreiber in ihrem Netz neue Dienste anbieten können, die Handys sonst wegen des hohen Rechenbedarfs nicht so einfach leisten können. So hat Docomo eine Plattform entwickelt, mit der die Kunden lediglich Text und "Emoji" (kleine Emoticons) eintippen, aus denen dann die Netzwerkbetreiber automatisch multimediale E-Mails erzeugen und versenden. So soll die Software passende Fotos zum Text aus dem Archiv in der Cloud suchen, Mails in die eigene Handschrift umwandeln oder in der eigenen Stimme vorlesen können.
Auch nett ist die animierte 3D-Landkarte, auf der man aus der Vogelperspektive den eigenen Laufweg verfolgen kann. Nicht nur blinken die Fotos auf, die man an verschiedenen Orten aufgenommen hat; mit einem Tippen auf den Bildschirm kann man sich sogar in drei Dimensionen verabreden, auf dem Kirchturm oder unter der Brücke. Leider handelt es sich nur um einen Proof-of-Concept, also um den Beweis, dass es prinzipiell für Provider möglich ist, in ihrem Netz Cloud-ähnliche Dienste zu verankern. Natürlich würden sie sich freuen, diese Ideen einzubinden, um Google Paroli zu bieten und nicht nur zum einfachen Datenübermittler zu werden, der von Flatrates sein Leben fristen muss.
Auch in der Displaytechnik gab es Interessantes zu sehen: Die Sofakartofel wird dabei zum Regisseur und Kameramann. NTT hat eine Panaromafunktion entwickelt, bei der der Nutzer selbst per Fernsteuerung den Ausschnitt bestimmen kann. Fünf Kameras nehmen beispielsweise ein Konzert oder ein Fußballspiel auf und liefern dem Rechner genug Daten zum Zoomen und Gleiten der Kamera. So können die Zuschauer bei Fußballspielen selber die "Kamera" führen.
Die Beispiele zeigen mir eines: Wir stehen erst ganz am Anfang einer Epoche, deren Entwicklung wir noch immer nicht annähernd voraussagen können. Fest steht für mich nur eins: Das Internet wird immer stärker Verlängerung und sogar Teleportation unseres eigenen Ichs. (bsc)