Hauptsache Bio(-technik)
Egal, ob es zum Kerngeschäft passt: Asiatische Konzerne legen sich Pharmasparten zu. Dem Finanzkapital zeigen sie damit die kalte Schulter.
- Martin Kölling
Egal, ob es zum Kerngeschäft passt: Asiatische Konzerne legen sich Pharmasparten zu. Dem Finanzkapital zeigen sie damit die kalte Schulter.
2011 n. Chr. Die ganze Welt wird vom Shareholder-Value-Kapitalismus regiert. Die ganze Welt? Nein, in Ostasien leisten einige Konzerne dem Finanzkapital und seinem Leitprinzip der bedingungslosen Gewinnmaximierung kräftig Widerstand und wollen sich nicht einfach nur aufs Kerngeschäft begrenzen. Innerhalb der letzten sieben Tage haben zwei ostasiatische Konzerne, der südkoreanische Mischkonzern Samsung und der japanische Kamerahersteller Fujifilm, den Einstieg in den Bereich der Biopharmazeutika angekündigt – beziehungsweise dessen massiven Ausbau.
Samsung gründete ein Gemeinschaftsunternehmen mit Quintiles zur Herstellung biotechnisch hergestellter Medizin. Fujifilm wird voraussichtlich dem US-Pharmariesen Merck zwei Biopharmaunternehmen für 360 Millionen Euro abkaufen. Gut dazu passt, dass Japans drittgrößter Medizinhersteller Daiichi Sankyo in dieser Woche angekündigt hat, für fast eine Milliarde Dollar das US-Unternehmen Plexxikon zu kaufen, um mit dessen Medikamenten das onkologische Produktportfolio auszubauen.
Bio oder besser Biotechnik boomt, besonders in der Arzneimittelindustrie. Dennoch dürften die Schritte (mit Ausnahme von Daiichi Sankyo) bei vielen Anlegern Kopfschütteln ausgelöst haben, weil insbesondere bei Samsung das neue Produkt auf den ersten Blick so gar nicht ins ohnehin schon ausufernde Produktportfolio passen will. Viel lieber würden die Anleger sehen, wenn die Unternehmen dem deutschen Sprichwort "Schuster bleib bei deinem Leisten" folgen und in ihren bestehenden Segmenten die Gewinne erhöhen würden. Doch das Erstaunen sollte sich in Grenzen halten. Nicht nur die Südkoreaner, auch erste chinesische Unternehmen kopieren schlicht das alte, japanische Unternehmensgen: Mach's im Haus, mach' ein Geschäft daraus.
Das Gen hat lange segensreich gewirkt: In Japan ist es ein rundes Dutzend riesiger Technikkonzerne wie Hitachi, NEC oder Panasonic mit extrem breitem Produktportfolio entstanden. Selbst Toyota ist beileibe nicht nur Autobauer: Japans wertvollstes Unternehmen stellt auch Fertighäuser und Bioplastik her und züchtet Blumen. Toyotas Zulieferer Denso hat erst Industrieroboter für die eigene Produktion hergestellt und dann mit deren Verkauf begonnen. Denn bisher ist Profit nicht alles für die japanischen Konzerne, erklärt ein Toyota-Vorstand das Selbstbild japanischer Kapitalisten. Gewinne seien wichtig, damit ein Unternehmen seine gesellschaftliche Verantwortung erfüllen könne, sprich Arbeiter beschäftigen und Steuern zahlen. Aktionäre seien halt nur einer der Stakeholder, auf die Japans Unternehmensführungen achten. Ich spitze das idealtypisch mal so zu: Hiesige Firmen wollen nicht Gewinne, sondern ihre Lebenszeit maximieren.
Allerdings hat das japanische Beispiel auch gezeigt, dass der Grat zwischen beherrschbarer Gewichtszunahme und zu fett eher schmal ist. Ein Konzern nach dem anderen folgt nun dem Rat der Analysten und verschlankt sein Produktportfolio. Konzerne wie Hitachi, Toshiba, Fujitsu oder NEC trennen sich wie ehedem Siemens von ihrer Konsumelektronik, ihrem einstigen Flaggschiff, und setzen auf lukrativere Geschäfte mit Unternehmenskunden. Gleichzeitig sind die Aktionäre in der Achtung der Vorstände stark gestiegen, zulasten der anderen Stakeholder. Dafür waren allerdings zwei überlebensgefährdende Krisen notwendig, das Platzen des IT-Bubbles im Jahre 2000 sowie der Finanzblase im Jahr 2008.
Bei Fujifilm nun macht der Ausbau des Geschäftsbereichs aus darwinistischer Sicht noch Sinn. Wenn das japanische Unternehmensgen Überleben ist, dann muss der Konzern mutieren, weil seine einstigen Kerngeschäfte durch den Vorstoß der Digitalfotografie schrumpfen. Wer kauft heute schon noch Filme? Und bei Fotokameras kann das Unternehmen im technischen Wettrennen mit den Marktführern auch nur schwer mithalten.
Bei Samsung jedoch sind Fragezeichen erlaubt. Zwar eilte besonders Samsung Electronic in den vergangenen Jahren von Rekord zu Rekord. Auch hat die Gruppe seit 1995 ein biomedizinisches Forschungsinstitut aufgebaut, das inzwischen als eines der führenden Forschungsinstitute des Landes gilt. Aber die TV-Sparte wirft schon jetzt hin und wieder Verluste ab. Lokalrivale LG erwirtschaftete jüngst sogar richtige Verluste. Ich glaube, dass auch Südkoreas Stars eher früher als später auch von der japanischen Krankheit befallen werden: Portfolioverfettung. Aber Samsung produziert dann immerhin die lebensrettende Medizin gleich selbst. (bsc)