Das Zeitalter der Technokraten

Anmerkungen zu 25 Jahren Challenger, Tschernobyl, dem letzten Flug der Discovery - und dem Menschentypus, der all das vollbracht hat.

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Von
  • Peter Glaser

Anmerkungen zu 25 Jahren Challenger, Tschernobyl, dem letzten Flug der Discovery – und dem Menschentypus, der all das vollbracht hat.

Es waren nicht nur Zufälle, die aus technologischen Entwicklungen jene Leitströmungen entstehen ließen, die den ganzen Planeten in eine Technosphäre verwandelt haben. Das 20. Jahrhundert hat einen neuen Menschentypus hervorgebracht: den Technokraten – Nerds und Erfinder wie Wernher von Braun, der seiner Technikbegeisterung Ende der 20er Jahre erst mit Freunden in dem privaten "Verein für Raumschiffahrt" in Berlin nachging, um sich dann auf einen faustischen Pakt mit der Reichswehr einzulassen, die nach Möglichkeiten der Wiederbewaffnung suchte.

Die UFA hatte den Bastlern zuvor 20.000 Mark gezahlt, um eine Rakete zu bauen, die zu Reklamezwecken anlässlich der Premiere von Fritz Langs Film "Frau im Mond" gestartet werden sollte (aber nicht fertig wurde). In dem Film wurde, immerhin, der Countdown erfunden. Als das Abheben der Mondrakete gedreht werden sollte, befand Lang: "Wenn ich eins, zwei, drei, vier, zehn, fünfzig, hundert zähle, weiß das Publikum nicht, wann die losgeht. Aber wenn ich rückwärts zähle: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, NULL! – dann verstehen sie."

Nach der Machtergreifung wurde Raketenforschung Geheimsache. 1936 wurde mit dem Bau der Heeresversuchsanstalt Peenemünde begonnen, Direktor wurde der 25jährige Dr. Wernher von Braun. Die Rakete A4 ("Aggregat 4"), später umbenannt in V2 ("Vergeltungswaffe 2") war ein Projekt mit einer klaren Vorgabe: eine Fernwaffe. "Die Wissenschaft hat keine moralische Dimension", beteuerte von Braun später. "Sie ist wie ein Messer. Wenn man es einem Chirurgen und einem Mörder gibt, gebraucht es jeder auf seine Weise."

Diese technokratische Grundhaltung blieb nicht auf deutsche Ingenieure beschränkt. "Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen", wies im Frühsommer 1945 der Kernforscher Enrico Fermi Einwände von Kollegen gegen den Bau der Atombombe zurück. "Das ist doch so schöne Physik." Von Brauns Förderer Walter Dornberger hatte bereits Mitte 1941 betont, dass neben der "materiellen Wirkung" ein Raketenbeschuss "größte moralische Erfolge" erzielen würde. Insgesamt kamen durch die V2 etwa 6.100 Menschen ums Leben. Es war die erste Waffentechnologie, bei deren Produktion mehr Menschen umkamen als bei ihrem Einsatz. Von den beim Raketenbau eingesetzten 60.000 KZ-Häftlingen starben 20.000.

Zu Kriegsende ergaben Wernher von Braun und seine Leute sich den Amerikanern. Kriegsverbrechern aus der Gruppe sollte ursprünglich der Prozess gemacht werden, aber später verzichtete man darauf. Der Kalte Krieg hatte begonnen. Von Braun, der stets behauptete, nur Mondraketen bauen zu wollen, hat fast immer Waffen gebaut. Die Redstone-Rakete, die seinen Ruf in den USA begründete, war die erste US-Rakete mit einem Nuklearsprengkopf. 1968 wurde sie in der Bundesrepublik stationiert und 1973 durch die Pershing I abgelöst. Im Dezember 1979 wurde der sogenannten NATO-Doppelbeschluss gefasst, der die Stationierung von Pershing-II-Mittelstreckenraketen als Antwort auf die sowjetische Mittelstreckenrakete SS-20 vorsah. Aus dem massiven Widerstand gegen diesen Beschluss erwuchsen die deutsche Friedensbewegung und Die Grünen.

Nach der Challenger-Katastrophe im Januar 1986 und der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl im April 1986 wurde klar, dass von den drei GroĂźtechnologien, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hatte, die bemannte Raumfahrt und die zivile Nukleartechnik scheitern wĂĽrden. Mit der dritten, der immer allumfassenderen Informationstechnik, hat sich der Weltraum nun nach Innen gewendet und das 20. Jahrhundert eine letzte Chance erhalten, eine positive Spur in der Geschichte zu hinterlassen. Das Online-Universum ist die Demokratisierung der Raumfahrt. Und diesmal kann jeder mitfliegen. (bsc)