Tor?! Nein! Doch! Oh!
Nach den Ereignissen des letzten Bundesligawochenendes fordern alle Torlinientechnologien. Die Fifa will nicht – recht hat sie.
- Niels Boeing
Was für ein Spektakel: Marcel Jansen trifft für den HSV nicht ins Tor, das trotzdem gegeben wird, während Schalke-Torwart Manuel Neuer hinter einem Abklatscher hersegelt und den Ball von knapp hinter der Linie aus dem Tor herausfischt, das nicht gegeben wird. Derweil verkündet die Fifa, erst einmal keine Torlinien-Technologien einzuführen, da von der EMPA durchgeführte Tests an zehn Verfahren unbefriedigend ausgefallen seien. Und die Fußballwelt greift sich an den Kopf: Geht's noch?
Ich finde, die Fifa hat in diesem Fall recht.
"Selbst bei einem leeren Tor, in das der Ball einfach hineingeworfen wurde, erreichten nur zwei Firmen [eine Trefferquote von] 98 und 94 Prozent. Keine einzige Firma hat 100 Prozent erreicht", wird Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke von Sportbusiness.com zitiert.
Das bedeutet: Bei 100 "schwierigen" Torraumszenen würden noch die besten derzeitigen Systeme in zwei bzw. sechs Fällen kein Tor erkennen. 100 schwierige Torraumszenen wie die vom Wochenende kommen innerhalb von vielleicht zehn bis zwanzig Spieltagen (90 bis 180 Partien in einer 18er-Liga) zusammen. Ich vermute, die Schiris haben an den entsprechend zurückliegenden Spieltagen auch nicht öfter falsche Torentscheidungen getroffen.
Allerdings ist es von der Fifa etwas perfide, eine 100-prozentige Treffergenauigkeit zu verlangen. Technische Systeme, die mit 100-prozentiger Sicherheit nicht versagen oder manipuliert werden können, gibt es schließlich nicht.
Was muss eine Torlinientechnologie leisten? Sie muss eine volle Überquerung des Balles über die Linie erfassen, also irgendetwas auslösen, wenn die Ballmitte elf Zentimeter hinter der hinteren Kante der Linie ist; und sie muss das Ergebnis irgendwie sicher und unverfälschbar an das Schiedsrichtergespann übermitteln.
Das System Cairos GLT von Adidas und Cairos Technologies ist das einzige, dessen Test die Fifa bestätigt hat. Nach Angaben von Cairos misst ein Sensor im Ball zwei Magnetfelder, die von elektrischen Leitungen entlang der Strafraumbegrenzung sowie hinter dem Tor induziert werden. Der Sensor übermittelt die verschlüsselten Messwerte an zwei Empfänger rechts und links des Tors. Ein Rechner bestimmt aus den Messwerten die Position entlang der Längsachse des Spielfelds. Liegt sie hinter der Linie, wird ein ebenfalls verschlüsseltes Torsignal an den Schiedsrichter geschickt. Besonders schnell scheint mir das noch nicht zu sein, wie ein Video des Herstellers zeigt.
Es ist zwar schön, dass die Datenübertragung verschlüsselt erfolgt. Aber wir können uns doch an fünf Fingern abzählen, dass irgendjemand versuchen wird, sie zu hacken. Die Wettmafia wird gerne Geld dafür stiften...
Eine ähnliche Technologie ist Superpuck. Superpuck Ltd. aus Edinburgh hat sie zunächst für Eishockey entwickelt und will sie nun an Fußball anpassen. Im Ball wäre dann ein Transponder, der auf ein Magnetfeld parallel zur Torlinie, hinter ihr, reagiert und dann ein Signal an einen Decoder von TAG Heuer schickt. Die Genauigkeit beträgt plus/minus ein Zentimeter – immerhin plus/minus neun Prozent des Balldurchmessers. Cairos GLT sei genauer als plus/minus ein Zentimeter, sagt Christian Holzer von der Impire AG, die zu Cairos Technologies gehört.
Eine dritte bekannte Technologie ist das Hawk-Eye-System, in dem vier bis sechs Hochgeschwindigkeitskameras das Spielgeschehen mit 500 Frames pro Sekunde aufnehmen (bei 25 fps würde ein Ball mit 96 km/h in jedem Frame seine Position um einen Meter verändern). Mittels Bilderkennungsalgorithmen wird daraus die Position des Balles im Spielfeldraum berechnet.
Eingesetzt wird Hawk-Eye bereits in den Ballsportarten Kricket und Tennis. Dort ist es trotz relativ freiem Aufnahmefeld fĂĽr die Kameras nicht unumstritten. Ich habe meine Zweifel, ob die Bilderkennung im Beingewusel des FĂĽnfmeterraums den Ball permanent erfassen kann (vielleicht wĂĽrde ein Ball in Leuchtorange helfen). Hawk-Eye wurde in den aktuellen EMPA-Tests laut Fifa nicht untersucht.
So sehr ich den Frust über falsche Torentscheidungen verstehe, glaube ich, dass aufgeflanschte Technologien das Problem nur verschieben. Ich höre schon das Tresengeschrei, wenn sie plötzlich genauso einen Fehler machen wie einst der Schiri.
Sofort machbar wäre doch, das Schiedsrichtergespann eine unklare Szene in verschiedenen Wiederholungen auf einem eigenen Monitor beim vierten Offiziellen anschauen – und dann entscheiden zu lassen.
Wenn wir früher beim Bolzen auf der Wiese Streit hatten, ob ein Ball nun innerhalb des aus Gegenständen improvisierten Tors oder "über den Pfosten" geflogen war, hatten wir eine ganz einfache Lösung: ein halbes Tor – sozusagen die Fuzzy-Logik des Freizeitkickens. Erst bei einem weiteren unklaren Torschuss wurde das Tor gezählt. Man muss Fußball nicht so bitter ernst nehmen. (nbo)