Soundanalyse zur Gewaltbekämpfung
In Groningen wurden Überwachungskameras mit Mikrofonen ausgestattet, um bei akustisch identifizierbarer Aggressivität oder Panik Alarm auszulösen.
- Florian Rötzer
Groningen hat am 15. November einen Versuch gestartet, mit der Hilfe von Videokameras und an diesen angebrachten Mikrofonen für größere Sicherheit im öffentlichen Raum zu sorgen. Die von den Mikrofonen aufgenommenen Geräusche und Töne werden von einem Programm, das sich Sound Intelligence nennt, analysiert und auf Stimmen oder Töne ausgewertet, die aggressiv klingen.
Getestet wird das u.a. von Tjeerd Andringa und Peter van Hengel am Institut für Künstliche Intelligenz der Universität von Groningen entwickelte Präventionssystem SIgard nicht nur im Zentrum von Groningen in der Poelestraat und Peperstraat, sondern auch in Rotterdam, wo bereits erste Erfolge erzielt worden seien. Zudem will man es in Zügen und Bahnhöfen erproben.
Entdeckt das System akustische Signale, die aggressiv klingen, wird die Polizei alarmiert, die dann die Überwachungskameras kontrollieren und schnell an den Ort fahren soll, um Gewalttätigkeiten zu verhindern oder zu beenden. Nach dem Bürgermeister von Groningen, Jacq Wallage, liegt der Wert des akustischen Alarmsystems vor allem auch darin, dass die Überwachungskameras nur dann aktiviert werden, wenn es notwendig sei. Dadurch werde nicht unnötig die Privatsphäre der Bürger verletzt.
Die Software zur Soundanalyse basiert nach Beschreibungen von van Hengel auf den Prinzipien, mit denen Menschen auf Geräusche und Töne reagieren. Sie werden in Vibrationen mit unterschiedlichen Frequenzen zerlegt, von der Cochlea in elektrische Signale umgesetzt und schließlich vom Gehirn verarbeitet. Auf bestimmte Geräusche oder Töne richten die Menschen ihre Aufmerksamkeit "instinktiv". Das seien beispielsweise Töne oder Geräusche wie Beschimpfungen oder Schreie, die auf Aggressivität oder Angst hinweisen. Zur Analyse der physischen akustischen Signale werte das System den Sound auch nach solchen "menschlichen Kriterien" aus. Dazu wurde das so genannte Continuity Preserving Signal Processing (CPSP) entwickelt, mit dem sich aufgrund von physikalisch kohärenten Informationen einzelne Geräuschquellen verfolgen lassen. Die Möglichkeit, kontinuierlich die Abfolge einzelner Geräuschquellen verfolgen zu können, sei auch die Grundlage für das auditorische System des Menschen, diese zu unterscheiden. Mit einer traditionellen Signalanalyse sei dies nur schwer und unzuverlässig möglich.
Die Hinweise auf Geräusche, die auf eine mögliche Gewaltanwendung hindeuten, mit Gewalttaten einhergehen oder Panik anzeigen, können angeblich auch in einer lauten Umgebung und bei hohem Hintergrundlärm erkannt werden. Daher sei SIgard auch als Ersatz von Sicherheitspersonal für präventive Zwecke bei großen Menschenansammlungen geeignet und könne selbst in Diskotheken oder an sehr lauten Straßen oder Plätzen eingesetzt werden. (fr)