Parteien machen so viel Web-Wahlkampf wie noch nie
Obama machte es vor, jetzt eifern deutsche Politiker hinterher: Die Parteien in Rheinland-Pfalz wollen die Landtagswahl auch im Internet gewinnen. Ersetzt das Web 2.0 bald die Wahlkampftour?
Sie twittern, bloggen und sammeln Freunde im Netz: Noch nie haben rheinland-pfälzische Politiker nach eigenen Angaben so viel Wahlkampf im Internet gemacht. Im Web erreichen die Parteien laut Experten vor allem eigene Anhänger. "Die kann man über solche Online-Kanäle ganz gut motivieren, in die Öffentlichkeit zu treten, an klassischen Wahlkampfveranstaltungen teilzunehmen", meint Kommunikationswissenschaftler Thomas Roessing von der Uni Mainz. "Aber die Reichweite von Internet-Angeboten ist viel zu gering, um darüber die breite Bevölkerung zu erreichen." Gegen "Tagesschau", "heute" oder das Boulevardblatt "Bild" habe das Web 2.0 kaum Chancen.
Viele Parteien hoffen, online die Stimmen junger Wähler für die Landtagswahl am 27. März zu gewinnen. CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner zwitschert zuweilen Twitter-Nachrichten im Minutentakt. Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) dreht YouTube-Videos von seiner "Beck"-Tour quer durchs Land. Und die Grünen wollen die letzten 72 Stunden vor der Wahl live aus dem Parteibüro senden. "Ein bisschen wie bei Big Brother", meint der Manager der Web-Kampagne, Felix Schmitt. Seit 2006 hat die Partei ihr Web-Budget verzehnfacht. Doch was bringt das Engagement im Netz?
"Über die sozialen Netzwerke, auch über Twitter, ist die Kommunikation wesentlich einfacher", meint CDU-Landessprecherin Eveline Breyer. Besonders 20- bis 40-Jährige nutzten die Kanäle, um direkt Fragen an die Partei zu stellen. SPD-Generalsekretärin Heike Raab sagt: "Für junge Menschen ist nicht immer die Zeitung das erste und entscheidende Medium, sondern ganz vielfach das Web 2.0 – seien es soziale Netzwerke, die Homepage oder andere Infodienste."
Eine Studie des Mainzer Instituts für Publizistik zeigt: Jeder dritte Rheinland-Pfälzer informiert sich im Netz über Politik. Die meisten nutzten dafür überregionale Angebote – aber kaum Parteiseiten und soziale Netzwerke, erklärt Roessing. "Was machen die Nutzer bei Facebook? Die verabreden sich mit ihren Kumpels, die tauschen lustige Videos aus oder setzen Links zu interessanten Internetseiten. Das heißt ja noch lange nicht, dass sie die Internetauftritte von Kurt Beck oder Julia Klöckner lesen." Auch die Idee vom "Mitmach-Web" sei widerlegt. "Immer weniger Leute sind wirklich bereit, Inhalte einzustellen", berichtet Roessing aus einer Studie von ARD und ZDF.
Das wissen auch die Parteien. "Wie bei jeder Kampagnenform gibt es Leute, die man damit nicht erreichen kann", meint Schmitt von den Grünen. "Aber dasselbe Problem haben wir ja zum Beispiel mit Plakaten: Wenn jemand nicht mit dem Auto durch die Stadt fährt, wird er auch relativ wenige Plakate sehen." Dass der Web-Wahlkampf die Tour über die Marktplätze ersetzt, glauben viele Parteien nicht.
Der Online-Wahlkampf birgt auch Risiken. Bei einer Internet-Aktion der Grünen forderte jüngst ein User den Bau der Mittelrheinbrücke – gegen den Willen der Partei. "Man kann ein wenig die Kontrolle über das, was im Internet passiert, abgeben", meint Schmitt. "Das Risiko gehen wir ein." Wie Forscher Roessing berichtet, verkündete ein Vandale bei Wikipedia vor Kurzem, Beck singe gerne nackt am Mainzer Hauptbahnhof. "Das ist natürlich sofort zurückgesetzt worden", sagt Roessing.
Das Vorbild vieler Politiker ist Barack Obama. Dessen Web-Kampagne zur Präsidentschaftswahl 2008 hat nach Ansicht vieler Experten neue Maßstäbe gesetzt. "Obama hat die Internetkampagne genutzt, um unter anderem Geld einzusammeln", erklärt Roessing. Aber, was kaum jemand weiß: "Dass er das Geld unter anderem in klassische TV-Werbespots investiert hat. Weil man auch in den USA nicht die ganze Bevölkerung über soziale Netzwerke erreichen kann." (anw)