Die Zähmung der Nutzerhorden
Christopher Poole, Gründer des für seine anarchischen Tendenzen bekannten Forums 4chan, wagt den Sprung in den Mainstream.
- Erica Naone
Christopher Poole, Gründer des für seine anarchischen Tendenzen bekannten Forums 4chan, wagt den Sprung in den Mainstream.
4chan ist nicht für jeden da. Das Forum, das Kritiker für völlig geschmacklos und Fans für schlichtweg unverzichtbar halten, könnte nun aber zum Ausgangspunkt einer neuen, eher im Mainstream angesiedelten Plattform werden. Das hofft zumindest 4chan-Gründer Christopher Poole, der seine konkreten Pläne am Wochenende auf der SXSW-Interactive-Konferenz in Austin präsentierte.
Den 4chan-Nutzern ist Poole, noch immer keine 25 Jahre alt, nur als "moot" bekannt. 625.000 Dollar hat er mittlerweile an Risikokapitalgeldern einsammeln können, um Canvas, wie sein neues Projekt heißt, zu starten. Wie schon 4chan soll es zunächst ein Imageboard sein, in das Nutzer Bilder hochladen, die sie dann gemeinschaftlich verändern. Dabei entstehen schnell ziemlich humorvolle Diskussionsfäden.
Im Gegensatz zu 4chan müssen sich die Mitglieder von Canvas allerdings anmelden, was zumindest einen Teil der potenziell "anstößigen" Elemente, für die 4chan teilweise berühmt-berüchtigt ist, heraushalten soll. Doch trotz Account-Zwang soll es möglich bleiben, anonym zu posten. Allerdings wird es im Gegensatz zu 4chan eine längere Speicherung der Einträge geben, was auch einen Blick ins Archiv möglich macht.
Für beide Angebote wünscht sich Poole das Element der sogenannten Fluid identity – Identität müsse fließend sein. Wenn jeder Dienst im Netz die Nutzer dazu zwinge, an alles und jedes seine echte Identität zu heften, "kann man sich keine Fehler mehr erlauben, wie das früher ging", sagt Poole. Viel Kritik hat er beispielsweise für Facebook übrig, das Nutzer dazu zwingt, mit ihrem Klarnamen zu posten.
Während Kritiker Anonymität mit fehlender Authentizität und Feigheit gleichsetzen, sieht das Poole ganz anders. "Das halte ich für total falsch. Anonymität ist Authentizität." Nur in der Sicherheit des Anonymen könnten sich Menschen wirklich ehrlich verhalten. Poole will dementsprechend zwar das Thema Online-Identität bei Canvas anders angehen als bei 4chan, widersetzt sich aber Datensammeltrends wie denen bei Facebook. (Allerdings nutzt er das populäre Netzwerk aktuell für seine geschlossene Betaphase von Canvas, was allerdings nichts bedeuten muss.)
Poole freut sich bei seinem neuen Dienst auf jene Art von "kreativer Mutation", die man schon bei 4chan sah. "Es ist eine Art von "Riffing", das da abläuft", sagt er. Nutzer gingen beim "Weiterdreh" von Bildern ähnlich vor wie in einer Musiksession. Die Werkzeuge seien hier eben nicht Instrumente, sondern Photoshop oder, für verwegenere Menschen, MS Paint – das Medium kein Jazzsong, sondern das Gesicht von Justin Bieber.
Und Poole will seinen Nutzern möglichst wirkungsvolle Werkzeuge an die Hand geben. Canvas ist so gestaltet, dass auch Neueinsteiger ein Bild mit wenigen Mausklicks verändern können. Wer wenig Stress haben will, verpasst einer Aufnahme einfach ein lustiges Label. Und dabei soll es nicht bleiben: Canvas könnte, hofft Poole, auch auf das Verändern von Audio- und Video-Dateien ausgedehnt werden.
Vielleicht am wichtigsten ist Poole aber das Gemeinschaftserlebnis, das er Usern geben will – und sei es nur so etwas Flüchtiges wie ein bisschen Spaß. Schon 4chan ist für ihn ein besonderes Erlebnis. Wenn da um 21 Uhr an einem Sonntagabend ganze Nutzerhorden mitmischten, fühle er sich als Teil etwas Einzigartigen. Er hoffe, diesen Teil von 4chan auch zu Canvas zu bringen. "Die Leute sollen Lust bekommen, zurückzukehren, um zu sehen, was beispielsweise aus einem Bild wurde."
Und Pooles Worte haben in der Community Kraft und Autorität: Er könnte, mit wenig Mühe, zu einem wichtigen Gegenspieler von Mark Zuckerberg und seiner Vorstellung einer Welt werden, in der detaillierte Daten über uns alle auf irgendwelchen Firmenservern lagern. Canvas will wirklich sozial sein – und nicht nur "social".
Noch ist allerdings unklar, wie stark sich das neue Angebot vom Mutterdienst 4chan ablösen wird – trotz der entscheidenden Unterschiede wie länger erhaltene Postings und (wenn auch anonyme) Log-ins. Poole will zudem auch alte 4chan-Recken anziehen. Und so steht Canvas noch ganz am Anfang, auch bei der Suche nach einer eigenen Identität. (bsc)