ProzessorgeflĂĽster
Gute Zeiten fĂĽr Headhunter. Ob bei Intel oder AMD: Es tut sich was. Nur bei Apple herrscht Ruhe, da wechselt man beim iPad auch nicht den Herstellungspartner, sondern bleibt offenbar Samsung treu.
- Andreas Stiller
Nicht nur im Fußball, sondern auch in der IT dreht sich das Trainerkarussell. Anand Chandrasekher, der mit zum engeren Kandidatenkreis gehörte, die Nachfolge von Intel-Chef Paul Otellini anzutreten, hat nach 23 Jahren beim 1. FC Intel das Handtuch geworfen, um sich „anderen Interessen zu widmen“. Vielleicht hat er ja irgendwo einen CEO-Posten in Aussicht, AMD etwa sucht ja noch einen …
Möglicherweise musste er selbiges Handtuch auch werfen, weil die von ihm geleitete Ultra Mobility Group (UMG) weniger Punkte macht als erhofft. Wie das Wall Street Journal meldete, hatte Intel zudem schon seit einiger Zeit versucht, den früheren Palm-Cheftrainer Todd Bradley von Hewlett-Packard abzuwerben, vermutlich um mit ihm die UMG-Mannschaft aufzupeppen, doch der hat bislang abgewinkt.
Damals im Jahre 2004, als der Centrino auf einen Schlag die Spitze der Notebook-Liga erstürmte, da löste Chandrasekher sein Versprechen ein, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, weil die Verkaufszahlungen die Erwartungen weit übertroffen hatten. Nun aber könnte ihn die angespannte Situation auf dem Markt der Netbooks, Tablets und Smartphones nicht nur die Haare, sondern den Kopf gekostet haben. Es stapelte sich bei den im Trend liegenden Kleinstgeräten Misserfolg auf Misserfolg: UMPC und MID – alles Abkürzungen der letzten Jahre, die zu nichts Zählbarem geführt haben. Oder MeeGo, das dümpelnde Betriebssystem dieser Szene, das nach der Fahnenflucht von Partner Nokia hin zu Microsoft wohl kaum mehr als Makulatur ist.
Microsoft öffnet sich zudem verstärkt dem ARM-Fanclub, und statt dass Intel hoffen kann, bei Tablets und Smartphones größere Marktanteile zu gewinnen, müssen die Kalifornier im Gegenzug eher befürchten, im Net- und später vielleicht auch im Notebook-Bereich stärkere Konkurrenz zu bekommen, als ihnen lieb ist. Partner wie Asus, die früher mit dem EeePC fest im x86-Lager verankert waren, laufen mit fliegenden Fahnen zu ARM über, zu Qualcomms Snapdragon oder Nvidias Tegra2.
Das wiegt umso schwerer, da jetzt auch AMD mit Macht und mit besserer Hardware auf den Netbook-Markt drängt. Die Sunnyvaler hatten diesen Bereich zunächst ganz verschlafen und sich wohl deshalb vor einigen Wochen von ihrem CEO Dirk Meyer getrennt. Doch nun kommen sie mit der Brazos-Plattform E-350 kräftig in Schwung, etwa auch in Asus’ Nettop-Linie.
Ghost Chips
Das nächste Desaster, an dem Chandrasekher Mitschuld trägt, rankt um die Geisterchips Moorestown und Oak Trail, also jene Atom-Prozessoren, die speziell für Smartphones und Tablets gedacht sind. Keiner von beiden hat sich bisher wirklich in nennenswertem Umfang in freier Wildbahn blicken lassen, ein paar domestizierte Vorzeigeexemplare hier und da – zuletzt gesehen in Messe-Zoos wie CeBIT und Embedded World –, das wars. Moorestown ist offiziell eigentlich schon im Mai letzten Jahres als Atom E6xx herausgekommen, doch wo bleibt er nur? Insider wie der Analyst und ehemalige Chefredakteur des Microprocessor Report, Linley Gwennap, stufen ihn als kompletten Flop ein.
Oak Trail, die nachträglich für Windows umdesignte Version, soll laut Otellini schon seit November in voller Massenproduktion sein. Er muss dabei wohl atomare Masseneinheiten im Sinn gehabt haben.
Vielleicht wird ja auf dem kommenden IDF Mitte April in Peking schon Oak Trails Nachfolger in 32 nm vorgestellt. Für die etwas leistungsfähigere Atom-Netbook-Linie jedenfalls kommt definitiv Cedar Trail/View als Nachfolger von Pine Trail/View, nun wohl endlich mit HD-Grafik und DDR3.
Bis dann x86-Tablets erscheinen, die es wirklich mit dem iPad 2 aufnehmen können, wird es also noch etwas dauern. Dessen A5-Prozessor stammt übrigens nicht von TSMC, wie hier und da vermutet wurde, sondern weiterhin von Samsung – das ermittelten die Spezialisten von Chipworks, die den A5-Prozessor des iPad 2 umgehend aufgesägt und analysiert haben. Der Zweikerner A5, mit über 122 mm2 mehr als doppelt so groß wie der A4 (53 mm2), verwendet auch noch keine 3D-Stack-Techniken, wie ebenfalls vorab spekuliert wurde. Die wird indes Intel wohl schon beim Ivy Bridge Ende des Jahres einführen, wie uns Charlie Demerijan von semiaccurate.com mitteilte. Nach seinen Informationen soll ein GPU-Speicherstapel per Silizium-Interposer direkt an den Prozessor-Chip angekoppelt werden.
Kernfaktoren
AMD war mit Abwerbeversuchen von Führungspersonen bei Hewlett-Packard offenbar erfolgreicher als Konkurrent Intel und konnte den Abteilungsleiter für Product Development und Engineering IT, Mike Wolfe, als neuen CIO (Chief Information Officer) für sich gewinnen. AMD will auch ansonsten kräftig einstellen und 1000 neue Arbeitsstellen schaffen Die Marktforscher sehen jedenfalls gute Chancen für AMD, wieder erheblich mehr Marktanteile zu erobern, auch bei den Servern. Da war man Ende 2010 auf dem Tiefpunkt von 7 Prozent angekommen. Und von nun an solls wieder bergauf gehen – so jedenfalls die Trevis-Vorhersage bei Forbes, die für AMDs Server in drei, vier Jahren 12 Prozent Marktanteil prognostiziert.
Das hängt natürlich maßgeblich von dem Erfolg der kommenden Bulldozer-Prozessorgeneration ab. Mit dem hat AMD im Serverumfeld noch ein paar „Profil“-Probleme. Verkauft man seine irgendwo zwischen Hyper-Threading und „echten“ Kernen einzuordnenden Halbmodule als physische Kerne, ist das zwar gut fürs Image und fürs Marketing, aber womöglich schlecht für die Brieftasche der Kunden – jedenfalls, wenn sie Core-Lizenzgebühren à la Oracle Enterprise Edition entrichten müssen. Nach dem aktuellen Lizenzmodell zählt Oracle Hyper-Threading nämlich nicht mit – da wäre die Einstufung eines Bulldozer-Moduls als ein Kern mit Hyper-Threading also die weitaus kostengünstigere Sichtweise. Es geht hier nicht etwa um einen Pappenstiel, sondern immerhin um 47 500 US-Dollar pro Lizenz-Prozessor (Oracle Database Enterprise Edition), wobei sich ein Oracle-Prozessor aus der Kernzahl multipliziert mit einem „Processor Core Factor“ ergibt. Ein Einzelkern-Prozessor – den Intel bei den Xeons schon längst nicht mehr anbietet – hat hier den Faktor 1, ein x86-Mehrkerner hingegen den Faktor 1/2. Somit muss man derzeit pro Dual-Core genauso viel an Oracle zahlen wie pro Single-Core. Gut möglich, dass Oracle für Bulldozer einen eigenen Kernfaktor spezifiziert – da kann man also gespannt sein. (as)