Armband misst Dauerstress
Mit dem Q-Sensor ist es möglich, den Hautwiderstand einer Person konstant zu überwachen. Hilfreich ist dies in der Medizin ebenso wie im Marketing.
- Kristina Grifantini
Mit dem Q-Sensor ist es möglich, den Hautwiderstand einer Person konstant zu überwachen. Hilfreich ist dies in der Medizin ebenso wie im Marketing.
Ob jemand emotional erregt ist und beispielsweise unter Stress oder Angst leidet, lässt sich - unter anderem - über eine Veränderung der Hautleitfähigkeit feststellen: Diese nimmt dann leicht bis stark zu. Das US-Medizintechnikunternehmen Affectiva hat dafür ein kompaktes Messgerät entwickelt, das wie eine Uhr am Handgelenk getragen wird und mit einer Batterieladung 24 Stunden am Stück arbeiten kann.
Der sogenannte Q-Sensor erfasst neben dem Hautwiderstand, der über zwei kleine Silberelektroden ermittelt wird, mit weiteren Sensoren auch Körpertemperatur und Bewegungen des Trägers. Ein eingebauter Speicher registriert Daten von bis zu einem Monat, die sich per Computer auslesen lassen. Darüber hinaus können Nutzer per Knopfdruck den Zeitpunkt von eindrücklichen Erlebnissen markieren.
Laut Affectiva ist der Q-Sensor vor allem für den Forschungseinsatz gedacht; das Unternehmen hat bereits mehrere Projekte gestartet. So soll das Gerät etwa bei autistischen Kindern vorkommende starke Erregungszustände frühzeitig vorhersagen helfen, was dann eine bessere Therapie erlaubt. In einem weiteren Projekt sollen Manager im Rahmen eines Stressreduktionstrainings per Q-Sensor lernen, wann ihre unterbewussten Ängste besonders groß sind. Diese Erkenntnisse helfen dann, mit solchen Situationen besser umzugehen.
„Wir wissen, dass Stress medizinische Probleme verstärken kann“, sagt Firmengründerin Rosalind Picard, die im Hauptberuf die Arbeitsgruppe "Affective Computing" am MIT leitet. „Die Gesundheit leidet deutlich. Wir beginnen nun langsam, die biologischen Grundlagen zu verstehen.“ Mit dem Sensor werde es möglich, Menschen ein besseres Gefühl für die Reaktionen des eigenen Körpers zu geben. „Jeder kann künftig in seinem eigenen Gesundheitsprozess mitwirken.“
Im Selbstversuch zeigt der Q-Sensor die Höhen und Tiefen eines Tages an: Die kleine Stresserhöhung vor der geschäftlichen Präsentation, aber auch die emotionale Erregung vor dem Treffen mit dem Freund oder der Freundin.
Kevin Laugero von der University of California, Davis, setzt den Q-Sensor im Zusammenhang mit anderen Methoden zur Stressuntersuchung ein. Der Ernährungswissenschaftler misst auch den Inhalt der Speichelflüssigkeit sowie das Stresshormon Cortisol. „Mit dem Q-Sensor erhalten wir ein langfristigeres Bild.“
Auch für die Marktforschung ist das System interessant, glaubt Projektleiterin Picard. Sie arbeitet zu diesem Zweck mit mehreren Unternehmen zusammen. So sichert etwa das US-Unternehmen Shopper Sciences mit dem Sensor die Kundenbewertungen von neuen Werbespots und Produkten ab: Dem Unternehmen zufolge beschönigen Probanden ihr negatives Urteil nicht selten und verfälschen so das Ergebnis. Emotionale Erregung, die über den Sensor festgestellt wird, lässt sich aber schlicht nicht unterdrücken. So sind Studien insgesamt genauer.
„Für uns ist das mittlerweile Teil unseres Werkzeugkastens“, sagt John Ross, Chef von Shopper Sciences. Er nennt ein Beispiel: Wenn eine Fast-Food-Firma wissen möchte, warum Kunden ein Restaurant nicht mehr besuchten, obwohl es insgesamt gute Bewertungen in Sachen Atmosphäre und Essensqualität gibt, kann der Q-Sensor helfen. „Es zeigte sich, dass die Menükarte schlecht gestaltet war und die Leute bei der Auswahl frustrierte“, sagt Ross.
Shopper Sciences arbeitet derzeit an der Erstellung einer großangelegten Datenbank, die Q-Sensor-Werte enthält. So soll es möglich werden, das Verhalten von Konsumentengruppen in unterschiedlichen Situationen besser vorauszusagen. „Bis Ende des Jahres soll die fertig sein.“ (bsc)