Ein Ozean aus Augen

Auch in China wird investigativ crowdgesourct. Blogger haben nun dafĂĽr gesorgt, dass Transparenz sogar bei Zigarettenschachteln voranschreitet.

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Von
  • Peter Glaser

Auch in China wird investigativ crowdgesourct. Blogger haben nun dafĂĽr gesorgt, dass Transparenz sogar bei Zigarettenschachteln voranschreitet.

"Ein Chor von Solisten" heißt ein Literaturmagazin von Han Han, dem wahrscheinlich bekanntesten Blogger in China (das Magazin wurde im Januar verboten). Der Titel ist eine treffende Bezeichnung für Blogger insgesamt – mit ihren vielen individuellen Interessen und dem Gemeinschaftsgefühl, das sie gleichzeitig teilen.

Die vormals passiven Medienkonsumenten – klassisch: die Fernzuseher – sind durch das Internet aktiv geworden, oft freiwillig und mit erstaunlichem Enthusiasmus. Warum? Weil es möglich ist. Weil einem Computer die Möglichkeit geben, etwas zu tun. Im Internet lassen sich jetzt mit der selben Freude Dinge produzieren und mit anderen teilen, mit der man zuvor konsumiert hat. Die strikte Trennung zwischen Konsumenten und Produzenten beginnt sich aufzulösen. Jeder sendet und empfängt inzwischen ganz selbstverständlich. Und es sind nicht mehr nur Spezialisten, die checken, überprüfen, aufdecken. Die große Wachsamkeit, die sich seit Jahrtausenden in Symbolen wie dem allgegenwärtigen Auge des Re und dem Auge in der Pyramide zeigt, hat sich mit dem Netz verflüssigt zu einem Ozean aus Blicken. Auch in China.

Vor ein paar Wochen war ich nach Peking zu einem Treffen mit chinesischen Internetexperten und Bloggern eingeladen. Man hat mich vorher gefragt, ob ich etwas über Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen europäischen und chinesischen Bloggern sagen könnte. Bei den Recherchen bin ich auf ein paar Fotos gestoßen, die in chinesischen Blogs kursieren. Auf den erste Blick sind sie ziemlich langweilig. Sie zeigen den Chef der Baubehörde in der Stadt Nanjing bei einem Meeting mit seinen Mitarbeitern. Aber ein paar chinesische Blogger haben genauer hingesehen und neben dem Beamten eine Packung einer extrem teuren Zigarettenmarke entdeckt.

Eine Schachtel davon kostet umgerechnet 20 Euro. Ein solches Prestigeprodukt verträgt sich nicht mit dem Gehalt eines chinesischen Beamten. Dann haben andere Blogger herausgefunden, dass er an seinem Handgelenk eine Luxusuhr einer Schweizer Uhrenfirma trägt – eine Vacheron Constantin. Die Uhren kosten etwa 4000 Euro aufwärts.

Der Behördenleiter wurde wegen Korruption entlassen und arbeitete – eine moderne Geschichte – zeitweilig als Sprecher für die Zigarettenfirma. Und der Umsatz der Firma ist durch den Skandal um etwa 70 Prozent gestiegen. Inzwischen wurde der bestechliche Beamte aber zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt. Eine weitere Folge der Blogger-Aufmerkamkeit: Seitdem diese Bilder in den sozialen Netzen kursieren, legen chinesische Beamte etwa bei Pressekonferenzen keine Zigarettenschachteln mehr neben sich auf den Tisch – stattdessen präsentiert man die unverhüllten Zigaretten ohne Schachtel neben sich auf eine Untertasse. Mehr Transparenz! (bsc)