ICST 2011: Softwarequalität ist unverzichtbar

Unter dem Motto "Ich bin ein Tester!" lud die 4. IEEE International Conference on Software Testing, Verification and Validation vom 21.-25.3.2011 ein.

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Von
  • Ina Schieferdecker
  • Sabrina Waffenschmidt
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Unter dem Motto "Ich bin ein Tester!" lud die 4. IEEE International Conference on Software Testing, Verification and Validation (ICST) vom 21. bis 25. März 2011 nach Berlin ein. Keynotes, Vorträge und Workshops machten deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Qualität in der Softwareentwicklung unverzichtbar ist.

Die rund 320 Besucher, die zur vierten Auflage der Konferenz rund um die Bewertung und Optimierung von Softwarequalität kamen, führten zu einem Anstieg der Teilnehmerzahl um 35  Prozent. Auffällig war auch, dass erstmals die Spezialthemen der zwei Workshop-Tage wie modell- und szenariobasiertes Testen sowie Regressions- und Sicherheitstests mehr Teilnehmer anzogen als die eigentliche Hauptkonferenz vom 22. bis 24. März.

Zur Begrüßung der Teilnehmer verwies Radu Popescu-Zeletin, Leiter des Fraunhofer-Instituts FOKUS, auf die sich schon jetzt abzeichnende Wende, die mit der Katastrophe in Japan eingeleitet wurde: Es sei ein neues Verständnis zu komplexen Softwaresystemen und ihrer Sicherung zu erarbeiten. Die Robustheit und Ausfallsicherheit von Softwaresystemen würden zwar oftmals durch entwicklungsbegleitende Tests geprüft, jedoch reichten Tests in Laborumgebungen nicht aus. Es seien Testmethoden zur Laufzeit der Systeme in ihren Produktivumgebungen nötig, um der Dynamik in den Systemkonfigurationen, ihren Umgebungen und Nutzungsszenarien in den Tests nachkommen zu können. Mit einem ganzheitlichen Prüfansatz ließen sich Systeme zuverlässig bewerten, denn Tests in Laborumgebungen böten nur Ausschnitte und Momentaufnahmen.

Wolfram Schulte von Microsoft Research erläuterte in seinem Keynote-Vortrag die Herausforderungen für Microsoft entlang der durch den Konzern offen gelegten Schnittstellen und Protokolle. Zum Absichern der Übereinstimmung zwischen Dokumentationen sowie zum Realisieren der Schnittstellen und Protokolle setzen die Redmonder modellbasierte Testverfahren ein. Diese sollen insbesondere Fragen der Fehlererkennungsmächtigkeit beantworten und bei Aufwandsabschätzungen helfen. Zudem erläuterte Schulte Sicherheitstests mit parallel durchgeführten Fuzzing-Methoden, um Verletzungen der Atomizität von Operationen, Deadlocks, Lifelocks et cetera zu identifizieren.

ICST 2011 (4 Bilder)

Keynote-Sprecher Ian Sommerville

Sommerville analysierte die Herausforderungen fĂĽr die Entwicklung und das Testen komplexer Systeme.

Ian Sommerville von der St. Andrews University in Schottland analysierte die Herausforderungen für die Entwicklung und das Testen komplexer Systeme. Fehler in solchen Systemen seien unvermeidlich, da oftmals Nutzergruppen sie mit gegensätzlichen Zielen einsetzen. Um besser auf Ausfälle vorbereitet zu sein, wären Systeme nicht nur technisch, sondern in ihrer soziotechnischen Einbettung zu betrachten.

Walter Tichy vom Karlsruher Institut für Technologie gewährte am letzten Hauptkonferenztag Einblicke in Multi-Core-Architekturen, für die angepasste Software-Engineering-Methoden nötig seien. Er erläuterte offline und online Ansätze, um automatisiert die Leistungsfähigkeit paralleler Programme für Multi-Core-Architekturen zu optimieren. Beispielsweise erlaubt der Auto-Tuner-Ansatz es, schon während der Laufzeit die wesentlichen Parameter zu erfassen und dynamisch nachzujustieren. Zudem verwies Tichy auf bestehende Herausforderungen wie paralleles Testen, Nebenläufigkeitskontrolle und Re-Engineering von Multi-Core-Software.

In der zweiten Keynote des Tages hob Bernd Leukert von SAP die traditionell enge Zusammenarbeit zwischen SAP und Kunden bei der Entwicklung von Software hervor, die bereits von Anfang an bestehe. Das Publikum reagierte teils mit Skepsis, da es schwierig sein könne, den Kunden zu tief in den Entwicklungsprozess zu integrieren. Es äußerte Befürchtungen wie hohen Erklärungsbedarf bei übertriebener Transparenz gegenüber dem Kunden. Leukert verwies auf SAPs gute Erfahrungen, denn mit der Philosophie des Kundenfokus sorge SAP für eine frühzeitige Qualitätssicherung, beschleunige die Markteinführung und führe zu höherer Kundenzufriedenheit.

Auch wenn diese Vorgehensweise wie ein Kinderspiel klinge, würden Softwareentwickler noch viel zu oft von Technikern geleitet, die nicht das nötige Verständnis für die späteren Nutzer aufbauen. Damit schloß sich auch ein Kreis zu Sommervilles Keynote: Sowohl Softwareentwickler als auch Qualitätssicherer müssen die Systeme in ihrem Nutzungskontext erfassen und verstehen – nur dann werden nutzbare, zuverlässige und robuste Systeme entstehen.

"Was ist der bemerkenswerteste Beitrag der Softwaretest-Forschung zum Testen in der Praxis?", mit dieser Frage eröffnete Benoit Baudry von der französischen Forschungseinrichtung INRIA die Panel-Diskussion. Auf wesentliche Ergebnisse und zukünftige Richtungen einigten sich die Beteiligten schnell. Doch bei der Debatte um die Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie ging es hoch her: Es müssten unbedingt direktere Wege zwischen Forschungsergebnissen und industrieller Erstellung etabliert werden. Die ICST wurde dabei als effektives Instrument gelobt, das beide Seiten zusammenbringe und gemeinsame nachhaltige Aktivitäten zur Verbesserung der Softwarequalität initiiere.

Die Konferenztage begleiteten die einzelnen Themengebiete vertiefende Sessions – darunter zwölf Research-, drei Industry- und eine Tools-and-Services-Session. Dort konnten die Teilnehmer in kleinen Gruppen ihre Erfahrungen vertiefen und über aktuelle Fragen rund ums Testen, Verifizieren und Validieren diskutieren. Promovierende bekamen in drei Promotions-Sessions von einer Jury Ratschläge zu ihren laufenden Arbeiten auf dem Gebiet des Softwaretestens.

Die vierte Ausgabe der ICST ist als bislang größter Erfolg der jungen Konferenzreihe zu bewerten. Sie zeigte, dass sich Testmethoden steigenden Herausforderungen stellen müssen und dass bereits gewonnene Ergebnisse und Erfolge weiter auszubauen sind. Deshalb haben sich viele Teilnehmer bereits Ort und Zeit der kommenden ICST im April 2012 in Kanada vorgemerkt.

Ina Schieferdecker
leitet das Kompetenzzentrum Modellieren und Testen MOTION am Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) Berlin. Sie hält seit 2003 einen Fraunhofer-Stiftungslehrstuhl an der TU Berlin zum Entwurf und Testen von Kommunikationssystemen.

Sabrina Waffenschmidt
ist Marketing-Assistentin des Kompetenzzentrums Modellieren und Testen MOTION am Fraunhofer Institut fĂĽr Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) Berlin. (ane)