Taiwan: Vom Billigspielzeugfabrikanten zur Hightech-Insel

Die taiwanische Wirtschaftsministerin Mei-Yue Ho hat heute Berlin besucht und dafĂĽr geworben, dass auch deutsche IT-Unternehmen in Taiwan investieren.

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Von
  • Andreas Von Hippin
  • dpa

Taiwan hat sich seit dem Ende des zweiten Weltkrieges von einem Hersteller billiger Spielzeuge, Regenschirme und Kunststoffprodukte zu einem der fĂĽhrenden Standorte der Informationstechnologie-Branche weltweit entwickelt. Wie aus der Statistik des taiwanischen Wirtschaftsministeriums hervorgeht, belief sich der Anteil der Inselrepublik am weltweiten Markt fĂĽr Notebooks im vergangenen Jahr auf 58 Prozent. Bei Mainboards wurden knapp drei Viertel erreicht. Auch bei der Auftragsherstellung von Chips war Taiwan fĂĽhrend.

Entsprechend selbstbewusst trat Wirtschaftsministerin Mei-Yue Ho heute in Berlin auf. "Wir wollen, dass Unternehmen in Taiwan investieren, die uns dabei helfen, in Zukunft wettbewerbsfähiger zu sein", sagte Ho. Dabei hat sie Zulieferer von Ausgangsmaterialien der Hightech-Branche im Auge wie etwa die Darmstädter Merck KGaA, von der Taiwan Flüssigkristalle für LCD-Bildschirme bezieht. Bei diesen Bildschirmen belief sich der Weltmarktanteil Taiwans 2003 auf 54 Prozent.

Bei großformatigen TFT-LCD-Bildschirmen will das Land Südkorea die Führungsposition streitig machen. In ihre Herstellung soll weiter massiv investiert werden, ebenso in den Bereich optische Speichermedien. Im nationalen Entwicklungsplan Challenge 2008 sind 11,8 Milliarden US-Dollar für Digital Taiwan vorgesehen. "Wir sind auf der Suche nach hochspezialisierten Ausrüstern, die große Aufträge bewältigen können", sagte Ho. "Der Markt ist in Taiwan. Wenn sie ihre Dienste dem Kunden vor Ort anbieten können, gewinnen beide Seiten."

Seit 1952 ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Inselbevölkerung von 196 auf 13.156 US-Dollar gestiegen. Für deutsche Unternehmen ist Taiwan damit nicht nur Beschaffungsort, sondern auch ein wichtiger Markt. Siemens etwa will das Beschaffungsvolumen in Taiwan im laufenden Geschäftsjahr ausweiten. Das kündigte Siemens-Asienchef Jürgen Oberg heute in Berlin an. Im abgelaufenen Geschäftsjahr habe das Beschaffungsvolumen in Taiwan auf rund 1,3 Milliarden US-Dollar betragen. Auf Einkaufstour begäben sich dort vor allem der Bereich Communications und das Joint Venture Fujitsu Siemens Computers. Den Umsatz von Siemens in Taiwan gab er mit 450 Millionen Dollar an.

"Taiwan ist für uns ein Schlüsselmarkt in Asien", sagte Oberg. "In Taiwan kann man Geld verdienen." Allein im Bereich Transportsysteme sei branchenweit künftig mit Aufträgen in Höhe von rund drei Milliarden Euro für Zulieferer zu rechnen. Challenge 2008 sieht 36,9 Milliarden US-Dollar für die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur vor. Siemens ging in Taiwan 1955 mit den Siemens-Reiniger-Werken an den Start, 1970 wurde eine Landesniederlassung eröffnet.

"Taiwan ist nach den USA unser zweitgrößter Markt", sagte der Finanzchef der Infineon-DRAM-Sparte, Michael Majerus, heute in Berlin. Der taiwanische Markt sei für das Unternehmen wichtiger als der deutsche. Zu den wichtigsten Kunden zählten die Computerhersteller Hewlett-Packard und Acer. Wichtig sei für Infineon dabei neben den qualifizierten Arbeitskräften der Zugang zu Kapital. Bereits 1996 gründete die damalige Siemens Semiconductor Group das Joint Venture ProMOS mit einem taiwanischen Chiphersteller.

All das entspricht so gar nicht den Vorstellungen, die 2002 auf Plakaten des Spirtuosenherstellers Diageo für den Wodka Smirnoff in der Londoner U-Bahn zum Ausdruck kamen und in vielen Köpfen noch verbreitet sind. "Achtung! Dieses Geschenk wird an Weihnachten kaputt gehen. Ersatzteile erhalten sie über unser Service-Center, Box 260, Taiwan. Rechnen Sie mit 365 Tagen Lieferzeit", hieß es dort unter einem ausgepackten Weihnachtsgeschenk. Von taiwanischer Seite wurde dies als bösartige Verleumdung gewertet. Der darauf folgende De-facto-Boykott von Diageo-Produkten durch die Verbraucher kam das britische Unternehmen teuer zu stehen. Taiwan war ein wichtiger Markt für die Diageo-Marken Johnnie Walker und J&B. (Von Andreas Hippin, dpa) / (anw)