Die digitale Leichtigkeit des Seins

Bequeme Maschinen sind etwas Angenehmes. Aber Komfort ist immer auch eine Gefahr fĂĽr die Vernunft.

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Von
  • Peter Glaser

Bequeme Maschinen sind etwas Angenehmes. Aber Komfort ist immer auch eine Gefahr fĂĽr die Vernunft.

Kritiker fürchten, neue Geräteklassen wie die Tablets könnten den Menschen wieder passiv und konsumistisch machen, wie den althergebrachten Fernsehzuschauer (und mancher Verleger scheint das zu hoffen).

Aber die Auswahl an Geräten, mit denen man einem Spektrum an Bedürfnissen von reger Online-Aktivität bis zum wohligen Schweben in der medialen Nährlösung nachgehen kann, war noch nie so vielfältig wie heute. Programmierer, Publizisten und Nutzer experimentieren vergnügt mit schiefertafelgroßen Supercomputerchen, auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Darstellung und Handhabung von etwas, das noch keinen Namen hat. Es soll aus dem, was bisher in Zeitungen, Magazinen, TV und Büchern stattgefunden hat und nun durch die Verteilungskräfte des Internet in seine Einzelteile zerlegt wird – in Links, Textschnipsel, Tracks, YouTube-Clips – etwas Neues destillieren, das umfassender und umwerfender ist als das, was war.

Das wird auch geschehen, aber es wird kein einzelnes Gerät als Sieger aus einem Entweder-Oder-Kampf hervorgehen. Die Zeiten sind vorbei. Konvergenz ist Schnee von gestern. Smartphones, Tabletrechner, PDAs - alles Geräte unter vielen. Alle sind sie Hybriden, mehrmedial für spezielle Bedingungen ausgelegt, mal für’s Sofa zu Hause, mal für die Unterwegsleute. Der eine, große Universalrechner kommt langsam aus der Mode. Was die Neuen an Neuem bringen, ist ein Ende des archaischen Mauspfeilgestochers und den geradezu zärtlichen Umgang mit kleinen Maschinen durch Fingerspitzengefühlsbedienung. So nahe war die digitale Welt noch nie. Für Verleger sind beispielsweise die Tablets eine elegante, quasi intime Darreichungsform für Inhalte, die bisher in der gedruckten Zeitung standen, für neue Spielformen von Multimedia, für Datenjournalismus.

Für viele ist das die neue, digitale Leichtigkeit des Seins. Die Bequemlichkeiten, die uns das Netz gebracht hat in Kombination mit den bequemen und eleganten Maschinen und Gadgets, wie jenen von Apple - darauf setzten Verleger, und sie tun gut daran. Das Faszinierende - für manche: Erschreckende - an dem iTunes-Sonderuniversum ist die unumschränkte Kontrolle, die Apple darüber ausübt, was der Firma immer wieder mal den Vorwurf einbringt, sie würde die Nutzer bevormunden.

Diese Art von Skepsis hat eine lange Tradition. Die ersten Apples waren offene Maschinen, in die recht einfach Erweiterungskarten und Bauteile von Fremdherstellern einmontiert werden konnten. Es war die Zeit der Bastler. Mit dem Macintosh änderte sich das, man konnte ihn nicht mehr so leicht aufklappen und loslöten. Dafür sollten nun auch Menschen einen Computer benutzen können, die nicht wussten, was ein Jumper ist. Der Mac war der erste Computer mit Maus, auch sie löste Glaubenskriege aus. Mit den kapazitiven Touchscreens von iPhone und iPad ist auch das bereits Geschichte.

Aber die Schlacht wird, in immer neuem Gewand, wieder und wieder geschlagen – die Schlacht um die Frage, worin die Wahrheit liegt: in der scheinbar unbeschränkten Freiheit, mit seinem Rechner tun und lassen zu können, wonach einem ist. Und Unix-Befehle direkt über die Kommandozeile einzugeben, so wie Gott es vorgesehen hat, oder gewisse Beschränkungen hinzunehmen zugunsten einer schnellen, feinen, großen Bequemlichkeit. Klar, Komfort ist immer eine Gefahr für die Vernunft. Aber er ist eben auch komfortabel. Vor allem, wenn ihn Geräte anbieten, die übers Netz mit dem ganzen Planeten verbunden sind. (bsc)