Pojechali
Ein halbes Jahrhundert nach seinem historischen Weltraumflug hat uns Gagarin immer noch etwas zu sagen.
- Niels Boeing
"Pojechali" – auf geht's – war Jurij Gagarins historischer Ausspruch, als er am 12. April 1961 an der Spitze der Wostok-K-Rakete als erster Mensch gen Weltraum abhob. Ein Wort, das in seiner angenehmen Nüchternheit vom späteren Pathos Neil Armstrongs und des US-Raumfahrtprogramms überstrahlt worden ist.
Ich erinnere mich noch gut, dass eben dieses Pathos mich in seinen Bann geschlagen hatte, als genau 20 Jahre nach Gagarins Aufbruch, am 12. April 1981, das erste Space Shuttle Columbia startete. "Der erste Tag der neuen Welt" hieß das kurz darauf erschienene Buch von NASA-Mann Jesco von Puttkamer über das Space-Shuttle-Programm. Darin war noch von künftigen Orbitalstädten und Mars-Missionen die Rede, von Terraforming, um den Roten Planeten bewohnbar zu machen.
Ein halbes Jahrhundert nach Gagarin, drei Jahrzehnte nach dem Jungfernflug der Columbia ist der Aufbruchsgeist jener frühen Tag einer großen Ernüchterung gewichen. Das Constellation-Programm der NASA, mit dem dieser noch einmal geweckt werden sollte, ist mangels Geld so gut wie Geschichte. In drei Monaten wird das Space Shuttle, angesichts seiner technischen Unzulänglichkeiten ein inzwischen belächelter Saurier der Raumfahrt-Geschichte, mit der Mission STS 135 seinen letzten Flug antreten.
Derweil beginnen die privaten Raumfahrt-Unternehmen die Geschichte noch mal von vorne, arbeiten sich langsam in den erdnahen Orbit vor wie damals Gagarin. Die Ziele sind bescheidener, im Wortsinne "down to earth": die Satellitensphäre in Schuss halten, die für die weitere Vermessung des unruhigen Erdsystems unerlässlich ist; und dem Tourismus eine neue Destination erschließen (erstaunlicherweise ist der Müll dieses Mal – als Space Junk – schon vorher da).
Was sonst könnten wir da draußen auch wollen? Spannend wäre eigentlich nur, andere Welten betreten zu können. Die Reisezeit dazwischen wäre vermutlich ein gähnend langweiliger Ritt durch Dunkelheit und Strahlenschauer. Müßige Spekulation: Uns fehlt schlicht der Antrieb. In mehr als einer Hinsicht.
Gagarins Wort hingegen sollte – nicht nur wegen des jüngsten Techno-Menetekels Fukushima – die Losung der Stunde sein. Es gibt hier unten auf der Erde eine Menge drängende, aber auch hochspannende Dinge anzupacken. Pojechali. Worauf warten wir noch?
(nbo)