Partygeplauder

Die Welt ist um eine neue Programmiersprache reicher geworden: Ceylon. Sie stammt aus der Feder des Hibernate-Machers Gavin King und macht einen guten ersten Eindruck. Und wie es der Zufall wollte, hatte ich vor drei Jahren die Gelegenheit, mich mit Gavin King darĂĽber zu unterhalten.

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Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Michael Wiedeking

Manchmal geht das Schicksal erstaunliche Wege. Im Juli 2008 flog ich mit einem Freund in die USA. Er hatte sich dazu entschlossen in Georgia ein Unternehmen zu gründen und ich wollte ihn dabei begleiten. So tingelten wir in Atlanta von Termin zu Termin: vom Rechtsanwalt zum Steuerberater, vom Versicherungs- zum Immobilienmakler und von der Bank zur Handelskammer. So erfuhren wir in den knapp zehn Tagen sehr viel über die Gewohnheiten und Geschäfte der Amerikaner, und mein Freund kam mit der Gewissheit nach Deutschland zurück, in Atlanta zukünftig gut aufgehoben zu sein.

Der Freund hatte bei frĂĽheren Besuchen in den Staaten einmal Marc Fleury kennengelernt und hielt es fĂĽr eine gute Idee, wenn ich ihn auch einmal treffen wĂĽrde. So meldete er sich bei Marc und bemĂĽhte sich um einen Termin. Der hatte aber leider keine Zeit, da er plante, fĂĽr einige Zeit nach Spanien zurĂĽckzukehren. So lud er uns kurzerhand zu seiner Abschiedsparty ein, die er am Freitag vor seiner und am Abend vor unserer Abreise geplant hatte.

Ich war beeindruckt, vermutete aber, dass wir die Fremdesten auf der Veranstaltung sein wĂĽrden. Ăśber Marc wusste ich im Wesentlichen nur das, was in der Presse zu lesen war, und ein bisschen mehr von meinem Freund. So war ich nicht nur freudig ĂĽberrascht ĂĽber die Einladung, sondern wegen dieser FreizĂĽgigkeit auch recht neugierig darauf, wie Marc wohl sein wĂĽrde.

Die Abschiedsfeier fand in sehr schönem Ambiente in einem Golf-Club südwestlich von Atlanta statt. Das Gästehaus erinnerte mich an die Stimmung, die ich in "Jenseits von Afrika" oder "Eine Reise nach Indien" empfunden hatte. Es lag auf einer Anhöhe, und von der Terrasse aus überblickte man große Teile des weiträumigen, saftig grünen Golfplatzes, der inmitten einer eher trockenen, hügeligen Gegend mit angrenzendem See lag. Das hätte jedem Kolonisten gefallen, der wie wir bei eintretender Dämmerung stilvoll einen "Sundowner" zu sich genommen hätte.

Marc erwies sich als ausgesprochen nett, und es war eine Freude, einige seiner Freunde kennen zu lernen. Beispielsweise waren darunter auch zwei Unternehmensgründer, die das nötige Startkapital gefunden hatten, um ihre Idee realisieren zu können. Es war sehr interessant aus erster Hand zu erfahren, wie man mit einer guten Idee an Geld kommen kann. Bemerkenswert war dabei allerdings, dass dieses Geld keine Distanz duldete – die beiden hatten ihre Koffer schon gepackt und mussten ihren Sitz nach Kalifornien in die Nähe des Geldgebers verlegen.

Im Laufe des Abends hatte ich dann die Gelegenheit mit Marc persönlich zu sprechen. Mir war das ein bisschen unangenehm, schließlich war das eine Abschiedsparty. Es kamen auch dauernd neue Freunde an, die stark betonten, wie lange sie Marc schon nicht mehr gesehen hätten, und ihrem Bedauern Ausdruck gaben, dass sie ihn auch in absehbarer Zeit wegen seines Auslandsaufenthalts auf unbestimmte Dauer nicht wieder sehen könnten.

Trotz des schlechten Gewissens hatten wir eine nette Unterhaltung. Neben den obligatorischen Fragen über seine Zukunftspläne ging es unter anderem um die Rolle von Open Source und die Zukunft der IT. Bei der Gelegenheit machte ich die Bemerkung, dass ich der festen Überzeugung sei, die Zeit wäre reif für eine neue Programmiersprache. C# würde Java featuremäßig langsam aber sicher den Rang ablaufen und das Fehlen von Closures würde auf Dauer dem Image von Java keinesfalls dienlich sein.

Und weil ich mich schon seit einigen Jahren mit dem Gedanken beschäftigte, wie eine "optimale" Programmiersprache aussehen müsste, fragte ich, ob er sich in diese Richtung nicht irgendwelche Aktivitäten vorstellen könne. Es war sofort klar, dass er persönlich daran überhaupt kein Interesse hatte, aber er meinte, einer seiner Gäste hätte. Woraufhin er kurz verschwand.

Das war ein etwas unerwartetes Ende unseres Gesprächs, aber vielleicht wurde ihm das einfach nur zu technisch. Um so überraschter war ich, als er kurze Zeit später mit Gavin King wieder auftauchte, uns einander vorstellte und dann wieder verschwand. Das Gespräch mit Gavin war deutlich ergiebiger, wenngleich relativ schnell klar wurde, dass wir – trotz vieler Übereinstimmungen – unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wofür eine neue Sprache eingesetzt werden könnte.

Nach kürzester Zeit hatte die Unterhaltung ein Niveau erreicht, dass sich mein Freund, der anfangs noch interessiert zugehört hatte, verabschiedete. Und so unterhielten wir uns fast eine Stunde, die genauso plötzlich endete, wie sie angefangen hatte: Irgendjemand tauchte auf, hatte nur eine kurze Frage, Gavin entschuldigte sich schnell und ward nicht wieder gesehen. Das Wichtigste war aber schon gesagt und beim verbleibenden Rest handelte es sich ohnehin nur noch um die spitzfindigen Details.

Lange sind wir dann auch gar nicht mehr geblieben, bedankten und verabschiedeten uns vom Gastgeber, grüßten die vielen erfreulichen Bekanntschaften und gingen schließlich unserer Wege. Auf der Fahrt zum Hotel ließen wir noch einmal die angeregten Unterhaltungen Revue passieren und freuten uns über diesen schönen Abschluss unseres Amerikaaufenthaltes.

Das ist jetzt also fast drei Jahre her. In der Zwischenzeit ist mein Freund mit seiner ganzen Familie nach Atlanta gezogen, und wie es aussieht, wird er wohl auch dort bleiben. Vielleicht zieht auch er bald nach Kalifornien, denn wenn sein Produkt ein Erfolg werden soll, wird er Fremdkapital brauchen, und das liegt anscheinend nur auf der sonnigen Seite des Kontinents.

Während ich mich hauptsächlich dem Tagesgeschäft gewidmet habe, war Gavin nicht untätig. Seine Pläne sind Realität geworden: Ceylon (nicht Cylon) heißt die neue Sprache. Sie wurde von Gavin auf einer Konferenz in Peking vorgestellt und ging seitdem – anscheinend schneller als ihm lieb war – um die Welt. Obwohl es außer den Folien zu den zwei Konferenzvorträgen noch nichts gibt, wird die Sprache relativ hoch gehandelt.

Auf Gavin Kings Blog findet man einige klärende Worte, weitere Links und die Folien zu den Vorträgen, sodass man schon einen kleinen Einblick bekommen kann, wie die Sprache aussehen mag. Die Sprache steht noch ganz am Anfang und sieht ganz passabel aus – wie fast alle Sprachen für die JVM, die irgendetwas besonders machen soll. Bei unserem Gespräch damals war die Rede davon, die Enterprise-Programmierung zu erleichtern.

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich das Ganze entwickelt – nicht nur die Sprache, sondern auch die Spezifikation, die Bibliotheken und vor allem die Community. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell die Hoffnung aufkeimt, der Wunsch nach der Lösung bekannter Probleme sei endlich erfüllt. Mir ging es damals mit Java so: Aus der C++-Welt kommend, glaubte ich, meine persönliche Lösung gefunden zu haben, bis ich – viel schneller als mir lieb war – die Grenzen von Java kennenlernte.

Ceylon macht einen guten ersten Eindruck. Aber meine Befürchtung ist, dass mit Ceylon nur eine bestimmte Art von Problemen besser gelöst werden kann. Das hat beispielsweise die Programmiersprache Go auch versprochen, aber auch hier ist die anfängliche Euphorie dem ernüchternden Realismus gewichen.

Im Moment scheint es sich zu lohnen, Ceylon etwas genauer im Auge zu behalten, und so werde ich demnächst bestimmt etwas genauer darüber schreiben. Bleibt also nur noch zu hoffen, dass Ceylon die geschürten Hoffnungen erfüllt. Dabei werde ich aber im Hinterkopf behalten, was Jochen Malmsheimer einmal zum Thema Hoffnung sehr schön auf den Punkt gebracht hat: "Die Hoffnung stirbt zuletzt – aber sie stirbt". ()