Datenkontrollverlust

Der Wirbel um Apples "Locationgate" macht mich ratlos. Kommt jetzt die Vorratsdatenspeicherung zum Selbermachen? Oder ist die Sache ĂĽberbewertet?

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Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Niels Boeing

Manche meiner Freunde belächeln mich, wenn sie mein mittelalterlich anmutendes Slider-Handy von 2006 sehen. "Dass ausgerechnet du kein iPhone hast", bekomme ich dann zu hören. Dass es so ist, hat verschiedene, auch praktische Gründe. Der jüngste "Locationgate"-Aufruhr um die detaillierte Speicherung von Bewegungsdaten in Apples Mobilbetriebssystem iOs 4 (in der versteckten Datei "consolidated.db") bestätigt mein Unbehagen an der schönen, neuen Mobil-Welt. Vor allem macht er mich aber ratlos.

Ratlos wie viele, die sich fragen, warum Apple seine tragbaren Kleingeräte die Daten überhaupt länger als ein paar Stunden speichern lässt. Vielleicht ist es ein schlichter (und peinlicher) Fehler. Vielleicht will uns Apple demnächst mit einer tollen Lifelogging-App überraschen, mit der wir jede Wendung in unserem Leben rekonstruieren können. Wo war ich noch mal am 17.11.2010 um 8:30 Uhr? Ach ja richtig, in einer S-Bahn von Köln nach Bensberg, unterwegs zu einer Tagung, könnte ich dann rekonstruieren.

Vielleicht ist es auch nur die Vorbereitung zu einer künftigen Vorratsdatenspeicherung durch den User selbst, um Provider zu entlasten, die ja ständig über die Extrakosten maulen. Dass Apple zu Locationgate keine Auskunft gibt, sollte niemanden mehr wundern. Die Selbstherrlichkeit der Kalifornier hat mittlerweile groteske Ausmaße angenommen.

Ratlos macht mich allerdings auch der Wirbel, den Locationgate in den USA ausgelöst hat. Auch wenn noch unklar ist, ob Apple selbst die Bewegungsdaten abgreift, was der Forensik-Experte Alex Levinson in seinem Blog vehement bezweifelt – es gibt längst eine andere Praxis, die den Amerikaner Kopfzerbrechen bereitet haben sollte: das so genannte Reality Mining. Hierbei verticken Mobilfunkbetreiber legal anonymisierte Verbindungsdaten (inklusive Ortsdaten) an Firmen wie Sense Networks, die daraus bereits erstaunlich umfassende Nutzerprofile erstellen können. Um noch zielgenauere Werbung, äh, Location Based Services anzubieten.

Ratlos macht mich aber insbesondere, was die Sache für den Datenschutz der Zukunft bedeutet. Seit Jahren fordern Datenschützer und Digitalbürgerrechtler, dass Nutzer die Wahl haben sollen, wann welche Daten verwendet werden dürfen. Daran hält sich auch Apple: Für sämtliche ortsbezogenen Apps können Nutzer die Übermittlung von Bewegungsdaten deaktivieren. Doch diese Kontrolle läuft natürlich ins Leere, wenn die Daten dennoch im Hintergrund irgendwo abgelegt werden. Dass der bayerische Datenschutzbeauftragte Thomas Kranig Apple ein Bußgeld von 300.000 Euro androht, ist bei einem Quartalsumsatz von sechs Milliarden Dollar ein Witz.

Der Datenkontrollverlust ist längst Fakt. Locationgate ist nur eine kleine Episode dieses Verlusts, und nicht einmal die wichtigste. Was also tun: incommunicado gehen, nur noch Prepaid-Karten nutzen oder die eigenen Daten ein für alle Mal verloren geben? (nbo)