Atomare Endlager – ein Problem für das 22. Jahrhundert
Eine neue MIT-Studie empfiehlt, den Atommüll aus US-Reaktoren erst einmal für 100 Jahre in Sicherheitsbehältern in einem zentralen Zwischenlager zu parken.
- Kevin Bullis
Eine neue MIT-Studie empfiehlt, den Atommüll aus US-Reaktoren erst einmal für 100 Jahre in Sicherheitsbehältern in einem zentralen Zwischenlager zu parken.
Die USA sollten abgebrannte Brennstäbe aus ihren Kernreaktoren für die nächsten 100 Jahre vor allem in Sicherheitsbehältern aus Beton und Stahl zwischenlagern, empfiehlt eine in dieser Woche veröffentlichte Studie des MIT. Damit sei genug Zeit, eine langfristige Endlagerlösung zu finden. Eine solche Zwischenlagerung sei einer sofortigen Endlagerung, etwa im geplanten, aber bis heute nicht realisierten Yucca-Mountain-Komplex, vorzuziehen, betonen die Autoren.
In den USA ist das Thema Atommüll noch dringlicher als hier. Denn zur Bauzeit der meisten amerikanischen Reaktoren hatte man eigentlich auf die Wiederaufarbeitung von Brennstäben gesetzt. Das hatte zur Folge, dass in den US-Kernkraftwerken nur so viel Platz für Atommüll vorgesehen war, wie er in zehn Jahren Betriebszeit anfällt. Als man später die Wiederaufarbeitung fallen ließ, wurde die Entsorgungsfrage an die Bundesebene übergeben.
Doch bislang hat keine US-Regierung das heiße Eisen wirklich angepackt. Die Frage, was mit dem Atommüll vor der Endlagerung geschehe, sei „offen gesagt ein nachgelagerter Gedanke“ gewesen, konstatiert Ernest Moniz, Direktor der Energy Initiative des MIT und einer der Autoren des neuen Reports. Inzwischen sind etliche Reaktoren seit Jahrzehnten in Betrieb und deren Zwischenlagerkapazitäten längst "überdehnt". An einer wachsenden Zahl von Orten werden die abgebrannten Brennelemente beispielsweise in so genannten „Trockenlagern“ untergebracht.
Ein systematisches Programm, verbrauchte Brennstäbe erst in Abklingbecken und dann in Sicherheitsbehältern in einem zentralen Zwischenlager zu parken, habe mehrere Vorteile gegenüber der bisherigen, unorganisierten Praxis. Sollten die Uranpreise steigen, könnte man sich beispielsweise auch für eine erneute Wiederaufarbeitung entscheiden und so billigen Brennstoff produzieren, argumentieren die Autoren. In diesem Szenario würde aus Atommüll ein Energierohstoffreserve vergleichbar mit den nationalen Ölreserven, sagt Andrew Kayak, der an der Studie mitgearbeitet hat.
Derzeit wird ein großer Teil des Atommülls in den USA in den Abklingbecken der Kraftwerke gelagert – deren Kapazität ist aber erschöpft. Seit dem Desaster im AKW Fukushima I – wo im beschädigten Block 4 das Wasser aus den Abklingbecken verdampfte und die meiste Radioaktivität freisetzte – ist zudem offensichtlich, dass diese Form der Zwischenlagerung viel zu riskant ist. Naturkatastrophen oder Terroranschläge könnten den USA dasselbe Problem bescheren.
Während einige Nuklearexperten eine sofortige Umlagerung in Sicherheitsbehälter fordern, verweist Kadak darauf, dass es ganz ohne Abklingbecken nicht geht. Denn nur in ihnen kann die Nachzerfallswärme kontrolliert abgeführt, können die Brennstäbe innerhalb von fünf Jahren so weit heruntergekühlt werden, dass man sie anschließend entnehmen kann.
Die Becken würden zudem nicht sicherer, wenn erkaltete Brennstäbe, die bereits zehn und mehr Jahre darin lagern, entfernt würden, sagt Kadak. Die Gefahr gehe schließlich von den relativ frischen, noch heißen Brennstäben aus. Wichtiger seien deshalb Notversorgungssysteme, um jederzeit ausreichend Kühlwasser zu haben – und zwar auch dann, wenn ein Kraftwerk ohne Strom ist. Der Report empfiehlt deshalb ein Forschungsprogramm in Höhe von 1 Milliarde Dollar – doppelt so viel wie die derzeitige Forschungsförderung für Kernenergietechnik. (nbo)