Seid freundlich zu den Maschinen
Über die Rückkehr der Sklavenhalter-Mentalität durch die digitale Hintertür.
- Peter Glaser
Über die Rückkehr der Sklavenhalter-Mentalität durch die digitale Hintertür.
Im Dezember 1865, nach Ende des US-BĂĽrgerkrieges, wurde mit der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten das Ende des Menschenhandels in der westlichen Welt verkĂĽndet.
Nun schleicht er sich leise und über Annehmlichkeiten wieder ein – der aristokratische Gestus, der Menschen unterschiedlichen Standes kennt, Dienende und Bediente. Dienstleistungsgesellschaft schön und gut: Mit dem Anrufentgegennehmer etwa (nein, er beantwortet keine Anrufe) lässt sich vorzüglich die Ära emulieren, in der man als potentieller Besucher dem Butler seine Visitenkarte aufs Tablett legte. "Ich werde nachsehen, ob der gnädige Herr zu Hause ist." Angesichts der digitalen Technik aber, die nun tausendfältig in unser Leben einmarschiert, summiert sich ein Verhalten zu neuen Ausmaßen, das viele für längst abgelebt gehalten haben: die Unduldsamkeit des Sklavenhalters.
Schon die Idee des Dienenden ist inzwischen derart politisch unkorrekt, dass Europäer dazu neigen, Schuhputzer durch Trinkgelder zu entwürdigen, die so hoch sind, dass man sie nicht mehr als Lohn, sondern nur noch als Almosen verstehen kann. Aber auf die Maschine angewandt scheint die Idee der Knechtschaft plötzlich wieder ok. Robosapiens wandern über den Teppich, autonome Stausauger rüsseln durch die Wohnungen, Algorithmen sprechen uns mit Vornamen an. Je menschenähnlicher die Anmutung ist, in der sich uns die Maschine präsentiert, desto eher sind wir veranlasst, uns ihr gegenüber auch zu verhalten. Seit Jahren üben wir so die Enttabuisierung des Sklaventreiberischen an der unendlichen Duldsamkeit des Computers ein, der Maschine, die nicht widerspricht.
Nun, da die Maschinen immer verhaltensähnlicher agieren, wird es Zeit, dass wir uns darüber klar zu werden beginnen, dass und wie wir uns ihnen gegenüber benehmen. Es sollte differenziert sein, jedenfalls mit einem gewissen Respekt. Wenn die Maschinen uns in unserem menschlichen Verhalten herausfordern, müssen wir unbedingt höflich bleiben, andernfalls färbt das Böse auf uns ab. Seid freundlich zu den Maschinen!
Weshalb auch nicht? Was spricht dagegen, sich mit einer Maschine anzufreunden? Spätestens wenn die Gentechniker ihr Können mit dem der Informationstechniker zusammenlegen, werden Fernbedienungen hinfällig. Die gewünschten Apparate werden uns auf Zuruf entgegenkriechen. Manche Maschinennutzer, ob Autofahrer, Fernzuseher oder Computeruser, haben bereits Formen einer speziellen Unduldsamkeit verinnerlicht, die aus dem verächtlichen Umgang mit Apparaten stammt. Im Innersten der demokratischen Systeme bilden sich auf diesem Weg neue Keimzellen für eine gefährliche befehlsgewohnte Arroganz ("Los, funktionier' jetzt!"). Gutsherrenart und Sklavenhaltermentalität feiern fröhliche Urständ. Nicht dass die digitalen Maschinen sonderlich – oder überhaupt – intelligent wären, aber sie fordern uns immer subtiler heraus.
Als einen neuen Beruf kann ich mir übrigens den Maschinenpsychologen vorstellen. Man kommt nach Hause, und schon im Flur quengeln einem wie Kinder oder Haustiere um Auferksamkeit heischende Haushaltsgeräte entgegen. Was, wenn dein Lieblingsgerät plötzlich eine Sinnkrise erleidet? ("Ich bin bloß ein hässlicher kleiner Handmixer.) (bsc)