Vision und Wirklichkeit
Eine Stadt auf Stelzen, umweltschonend und mit modernster Technologie protzend - das war der Plan für Masdar City im arabischen Emirat Abu Dhabi. Doch ein Teil der ehrgeizigen Ziele ist im Sand versickert.
- Jan Oliver Löfken
Eine Stadt auf Stelzen, umweltschonend und mit modernster Technologie protzend – das war der Plan für Masdar City im arabischen Emirat Abu Dhabi. Doch ein Teil der ehrgeizigen Ziele ist im Sand versickert.
Masdar City? Was sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten nahe der Hauptstadt Abu Dhabi aus der Ebene erhebt, sieht nicht aus wie die Silhouette einer Stadt, sondern wie ein in die Wüste geschickter Bürokomplex. Komplett fertiggestellt wirken die sechs Gebäude auf dem staubigen Bauplatz reichlich deplatziert. Tatsächlich aber ist das Viertel die lebendige Keimzelle einer ökologischen Retortenstadt, die es der Welt zeigen will. Es bildet den Campus des Masdar Institute of Science and Technology, das zu einem international anerkannten Wissenszentrum für erneuerbare Energien heranwachsen soll. Der kleine Komplex – innerhalb von nur fünf Minuten lassen sich Bibliothek, die Labore und Wohnblöcke der Forscher bequem zu Fuß erkunden – stellt den ersten physischen Beweis dar, dass die Vision von der Ökostadt in der Wüste Form annimmt. Allerdings weit langsamer als geplant.
Denn ursprünglich sollte die vom Londoner Stararchitekten Sir Norman Forster entworfene Stadt bereits 2016 aus dem Wüstenboden gestampft sein. So stand es in den Plänen, über die Technology Review vor genau zwei Jahren berichtete. 50.000 Menschen sollten in Masdar City leben und sich ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Quellen versorgen, die Umwelt weder mit Kohlendioxid noch mit Müll belasten. Gebäude und Fußwege ruhten in den Planskizzen auf sieben Meter hohen Betonstelzen, um kühlende Luft zirkulieren zu lassen und auf dem Boden einem eigenen Netz von autonom fahrenden Elektrofahrzeugen, sogenannten Pods, Platz zu bieten. Benzin verbrennende Motoren wollte man genauso ausschließen wie die Verschwendung anderer Güter. Müll sollte daher durch Vakuumröhren unter der Stadt zu einer zentralen Sammelstelle gesaugt, dort sortiert, wiederverwertet oder in Biogas umgewandelt werden.
Mit Durchflussreglern an den Wasserhähnen und wasserfreien Urinalen wollte man den Bedarf an Wasser um 75 Prozent senken, um das sonst in der Region übliche energieintensive Entsalzen von Meerwasser auf ein Minimum zu reduzieren. In der Vorzeige-Ökostadt sollten sich rund 1500 Cleantech-Unternehmen ansiedeln und so Masdar City zum unumstrittenen Mekka für die Entwicklung regenerativer Energien machen. Nichts anderes galt auch für die rund 800 Wissenschaftler aus aller Welt, die sich für die Idee erwärmten, im Masdar Institute zu forschen.
Die Gebäude dafür werden gerade bezogen. Doch was anderswo als Erfolg gefeiert würde, kann in dem Ölstaat, wo Megaprojekte wie das höchste Gebäude oder der größte Flughafen der Welt in wenigen Jahren vollendet wurden, nur als Enttäuschung gelten. Die Wirtschaftskrise sowie Probleme in Technik und Management werden heute als Erklärung dafür präsentiert, dass der Planungshorizont in weite Ferne gerückt ist. Die Fertigstellung bis 2016 haben die Verantwortlichen längst ad acta gelegt, auch das ursprüngliche Investitionsvolumen von 22 Milliarden Dollar ließen die arabischen Stadtplaner auf 19 Milliarden schrumpfen.
Der Stimmung unter den ersten gut 100 Studenten und Professoren, die im Masdar Institute ihre wissenschaftliche Heimat gefunden haben, tut dies jedoch keinen Abbruch. Sie sehen sich als die Pioniere von Masdar City und ihren Campus als Keimzelle für eines der ambitioniertesten Klimaprojekte unserer Zeit. "Die Vision als Ganzes bleibt erhalten", bestätigt Sultan Al Jaber, Direktor der Planungs- und Investitionsgesellschaft Masdar. Und auch wenn der Satz ein wenig trotzig klingt, ist die kleine Privathochschule doch ein sichtbarer Beweis für die Motivation.
Der Ansatz, mit möglichst wenig Energie komfortabel zu leben, lässt sich bereits an architektonischen Details im Campus-Viertel erkennen. 43 Meter hoch erhebt sich zwischen den drei dreistöckigen Wohnblöcken ein hohler Windturm. Permanent leitet er eine kühlende Brise durch die wenige Meter breiten Gassen, deren schattige Enge der Bauweise alter arabischer Städte ähnelt. Gefächerte Aluminiumfassaden schirmen heiße Sonnenstrahlen ab, reflektieren aber dennoch genug Tageslicht in Labore, Hörsaal und Bibliothek. Alle Dächer sind dicht bepackt mit Solarzellen und Sonnenkollektoren, in jedem Raum messen Sensoren Temperatur, Wasser- und Stromverbrauch. Unter den Betonstelzen rollt computergesteuert ein knappes Dutzend viersitzige Elektro-Pods auf eigenen Straßen. Einen Steinwurf vom Campus entfernt liefert ein Zehn-Megawatt-(MW)-Photovoltaik-Kraftwerk vorerst noch genug Strom für die Forschergemeinde.
Das bisherige Ergebnis deutet den Prozess an, der Masdar City zum Hort der Hochtechnologie machen soll. Allerdings sieht der in monatelanger Beratung entstandene neue Masterplan dafür nun kleinere Schritte vor. Inzwischen glaubt niemand mehr daran, dass Masdar City vor 2025 fertig wird. Genau festlegen will sich sowieso keiner mehr, und daher werden starre Vorgaben bewusst vermieden. "Wir wollen kontinuierlich lernen, uns anpassen und unsere Vision für Masdar City weiterentwickeln", versichert Masdar-Chef Al Jaber die neue Strategie etwas vage. Nur so könne man sich "an die Entwicklungen von Markt und Technologie anpassen". Aber gerade diese Flexibilität forderte nun erste Planungsopfer.
Das für die Mobilität in den Stadtgrenzen vorgesehene flächendeckende Netz aus ferngelenkten Pods wird es nicht geben. Ursprünglich sollten die Elektrotransporter den individuellen Personenverkehr im Stadtgebiet übernehmen. Mindestens alle 200 Meter sollten dazu Pods an eigenen Haltestellen stehen und von einer Zentrale ferngesteuert die Passagiere bequem und energieeffizient ohne Zwischenstopp zum Ziel bringen. Bisher existieren aber nur zwei Pod-Stationen, die 800 Meter auseinander liegen. Dabei wird es auch bleiben. "Ein komplettes Pod-Netzwerk wäre unerschwinglich teuer", erklärt Alan Frost, der die Entstehung der Retortenstadt als Baudirektor überwacht. Fahrräder und individuelle Strommobile vom Segway bis zum Elektroauto sollen nun die entstandene Mobilitätslücke füllen, zudem eine Regionalbahn Masdar City mit dem Flughafen und der Hauptstadt Abu Dhabi verbinden. Das Verbot von Verbrennungsmotoren bleibt für das Stadtgebiet allerdings bestehen. "Und es soll eine fußgängerfreundliche Stadt werden", besinnt sich Frost auf die wohl sparsamste und nachhaltigste aller Fortbewegungen zurück.