Studie warnt vor "Gesellschaftssortierung" durch Nachbarschafts-Informationssysteme
Potenzielle Hauskäufer können sich mit "Internet-based Neighbourhood Information Systems" ihre idealen Nachbarn aussuchen. Wissenschaftler meinen, diese Systeme könnten dazu beitragen, reiche und arme Menschen noch weiter auseinanderzusortieren.
In den USA gibt es nach Angaben der britischen Joseph Rowntree Foundation (JRF) immer mehr Internet-based Neighbourhood Information Systems (IBNIS). Solche Nachbarschafts-Informationssysteme sollen es potenziellen Hauskäufern ermöglichen, Auskunft über die Bewohner eines Stadtviertels einzuholen und sich die "idealen Nachbarn" auszusuchen. Die Verfügbarkeit solcher Informationen könne die soziale Segretation fördern, also beispielsweise die Ausgrenzung armer Bevölkerungsteile, warnt die JRF.
Die US-amerikanischen IBNIS wie homestore.com oder bestplaces.net böten bereits ausführliche, auf Postleitzahlen basierende Datensätze, die mit Daten von Marktforschungsinstituten gespeist werden. Ähnliche Websites in Großbritannien ließen bislang noch keine Suche unter Berücksichtigung bevorzugter Kriterien zu, doch in den USA sei dies bereits möglich. So könnten potenzielle Hausbesitzer zuvor nicht nur die klimatischen Bedingungen am gewünschten Ort prüfen, sondern auch, ob sich geeignete Schulen in der Nähe befinden oder wie hoch die Verbrechensquote ist.
Der Soziologieprofessor Roger Burrows von den Universities of York and Durham, Leiter des Forschungsteams, das für die JRF die Studie Neighbourhoods on the net (PDF-Datei) angefertigt hat, meint, es gebe bereits eine "digitale Kluft" in Großbritannien zwischen jenen, die gut informiert seien, und jenen, dich sich keinen Computer und Internetanschluss leisten könnten. Er warnt vor dem Potenzial der Nachbarschafts-Informationssysteme, die Unterschiede zwischen wohlhabenden und armen Gegenden zu vergrößern und dabei die Vorteile gemischter Sozialstrukturen beispielsweise für die Integration von benachteiligten Menschen aufzugeben.
Für die Untersuchung wurden die vier Websites upmystreet.com, houseandhome.msn.com, neighbourhood.statistics.gov.uk und scorecard.org für Fallstudien sowie Interviews mit Providern herangezogen. Dabei hätten sich vier Typen von Informationssystemen herauskristallisiert: Kommerzielle Websites, die sich über Werbung finanzieren, Websites für die Marketing-Branche, wissenschaftlich-politische Sites und Websites von Hilfsorganisationen oder politischen Bewegungen.
Burrows stellt sich nicht grundsätzlich gegen solche Informationssysteme. Er gibt aber neben den bereits geschilderten Gefahrenpotenzialen auch zu bedenken, dass die Menschen wenigstens wissen sollten, woher die Systeme ihre Informationen beziehen. Auch sollten sie die Möglichkeit haben, gegen die Art, wie ihre Nachbarschaft dargestellt wird, vorgehen zu können. (anw)