Das globale Doof
Freudlosigkeit ist die Mutter der Ausschweifung: Auf StarkgefĂĽhlsuche in einer zunehmend virtuellen Welt.
- Peter Glaser
Freudlosigkeit ist die Mutter der Ausschweifung: Auf StarkgefĂĽhlsuche in einer zunehmend virtuellen Welt.
Das Online-Universum ist eine gigantische Maschine gegen den Tod. Alles wird festgehalten, nichts mehr vergeht. Die aufdämmernde digitale Dekade und die aus der Universalität des digitalen Mediums resultierenden gleichermaßen universellen Veränderungen verursachen Wellen der Angst. Aber heute fürchtet niemand sich mehr davor, beim Segeln über den Rand der Welt zu fallen.
Dafür kennen wir andere Ängste – vor Viren, Verkehrsunfällen, vor dem Verschwinden der Welt hinter den Bildschirmen. Und eine grundlegend neue Angst, nämlich die sich aufsummierenden Ängste, die aus unserem eigenen Tun und Handeln (und Nichthandeln) hervorgehen. Fürchtete sich der Mensch früherer Zeiten vor Naturgewalten wie einer Sonnenfinsternis, so erschrecken wir Gegenwartsmenschen vor der Sinnesfinsternis unserer eigenen Natur.
"Enfants Terribles", schreckliche Kinder, nannte der französische Graphiker Paul Gavarni eine Bilderfolge, deren Titel sich die Realität angeeignet hat. "Thriller", "Dangerous" – größter Wunsch hormongepeinigter Heranwachsender ist es, angsterregend zu sein, Cyberpunk, Maschinenmensch, Rebell. Die Folgen der Beängstigungen werden überall sichtbar. Die Quasi-Campingversion der mittelalterlichen Festung, Angst-Architektur par excellence, ist das elektronisch und bruchsicher bewehrte Einfamilienhaus. In Mexiko entwirft ein Designer seit einiger Zeit mit Erfolg kugelsichere Mode für Damen und Herren.
Als mutwilliger Kontrapunkt zu einer alles abmildernden Wohlstandsgesellschaft und dem zugehörigen Lebensgefühl, das sich wie Styropor anfühlt, stürzen Menschen sich an Gummiseile gebunden von Kränen, überklettern vereiste Wasserfälle oder lassen sich wie Bruchholz durch Wildbäche schwemmen. Herzklopfen. Abenteuer: Man übt sich in der Dramatisierung des Alltags. "So ergeht es einer Generation, die in Frieden und Überfluss vegetiert", schrieben die Kulturverabschieder Henryk Broder und Reinhard Mohr über junge deutsche Autoren, "die Kriege nur noch aus der Tagesschau" kennen und dankbar seien "für jeden Amokläufer, der ein wenig Abwechslung in die Diskussion um den Ladenschluss und das Gucci-Remodeling bringt".
Hyperauthentizität ist also gefragt. Echtheitsverstärkte Wirklichkeitsmäßigkeit wie "Big Brother", "Russland sucht den Superzar" oder ein überraschender Telefonanruf von Steve Jobs, weil man sich irgendwo über sein iPhone in dieses Internet hineinbeschwert hat – all das bedient ein lang vernachlässigtes Bedürfnis nach Realismus in der Unterhaltung. Hunderttausende zieht es vor den Bildschirm, wenn echte Menschen sich echt langweilen. Aus dem selben Grund ist Facebook ein solcher Welterfolg.
Wo die Grenze zwischen Gaudium und geschmacklichem GAU verläuft, wird ständig neu ausgehandelt. Die Anbieter spielen nicht zu unrecht das Argument der Freiwilligkeit aus. Unmutsäußerungen haftet stets die banale Frage an, weshalb man nicht einfach ausloggt oder abschaltet, wenn's einem nicht gefällt. Der hartnäckigen Behauptung, dass Medienkonsum sittlichen Niedergang nach sich ziehe, steht die Unauffindbarkeit des von der Theorie geforderten Homo Gaga entgegen.
Künstler wussten zu allen Zeiten, dass in der Rohheit eine gewisse Kraft liegt. Durch das Netz kehrt sich nun um, was öffentlich ist und was privat. Immer mehr Menschen breiten im Schutz digitaler Maskerade ihre persönlichsten Gedanken und Gefühle in der neuen Weltöffentlichkeit des Web aus. Wie enttäuschend, wenn man vor Augen geführt bekommt, wie viele Menschen rund um den Globus Langweiler und Idioten sind. Es gibt kein Entkommen aus der Banalität des Globalen Doofs. (bsc)